Transnationale soziale Wohlfahrtsorganisationen und Religion: Das evangelische Soziallobbing-Netzwerk ,Eurodiaconia’ in Europa Germo Zimmermann Abstract Dieser Artikel untersucht den transnationalen Charakter der europäischen Organisation der evangelischen Diakonie ,Eurodiaconia’ 1 , einem Netzwerk dessen historische Wurzeln in der religiös begründeten sozialen Bewegung der „Inneren Mission” von Johann Hinrich Wichern (1808-1881) liegt. Der Prozess der Transnationalisierung der Eurodiaconia wird aus einer deutschen Perspektive vollzogen und erklärt, dass der Erfolg dieser NGO in dem pietistischen Netzwerk der Erweckungsbewegung liegt, die bereits früh ein christliches Gemeindenetzwerk über den europäischen Kontinent gespannt hat. Der Artikel ist in erster Linie Literatur-basiert. Eine ergänzende Dokumentenanalyse analysiert die sozialen Themen und Kooperationsstrukturen der Eurodiaconia und klärt, mit welchen anderen religiösen oder themenbezogenen transnationalen Organisationen innerhalb der Eu- ropäischen Union zusammengearbeitet wird, um den Einfluss auf die politische Sphäre zu intensivieren. Die Analyse zeigt, das die Mitgestaltung und Einflussnahme in unterschie- dlichen christlichen Netzwerken die Schlagkraft der Eurodiaconia als professionelles sozialanwaltschaftliches Netzwerk auf EU-Ebene erhöht. Keywords: Eurodiaconia, transnationales Netzwerk, evangelische Diakonie, Sozial- Lobbying Netzwerk, religiöse NGO, Johann Hinrich Wichern 1. Einleitung 2 Religion und Staat sind auf der nationalen Ebene historisch bedingt miteinander verbunden. Mit Blick auf die (christlichen) sozialen Bewegungen sehen die Verhältnisse jedoch entschieden anders aus: „The Enlightenment, pietism and the Evangelical Revival were European phenomena. The history of home missions (,Innere Mission’) and that of diakonia in the 19 th century are both in their roots and ramifications anything but merely national phenomena.” (Eurodiaconia, 2004: 21). In diesem historischen Verständnis ist der Zusam- menhang zwischen Religion, Sozialer Arbeit und (internationalen) sozialen Bewegungen, resp. Organisationen sicherlich nichts Neues (Pries, 2001: 6). Aber „nevertheless, their number, size, professionalism, and the density and complexity of their international 1 Da nicht alle Leser mit den diakonischen oder kirchlichen Organisationen innerhalb der Europäischen Union vertraut sind, liefert ein Glossar am Ende des Beitrags ergänzende Informationen. 2 Ich möchte Ernst-Ulrich Huster für seine ausführlichen und hilfreichen Kommentare zu einer ersten Version dieses Artikels danken. Für die spezifischen und detaillierten Stellungnahmen von zwei anonymen Gutach- tern sowie der Gast-Herausgeber Luann Good Gingrich, Hanna Rettig und Wolfgang Schröer bin ich eben- falls sehr dankbar.