Redaktion
H. Rübben, Essen
Urologe 2010 · 49:1401–1405
DOI 10.1007/s00120-010-2448-8
Online publiziert: 21. Oktober 2010
© Springer-Verlag 2010
G. Niegisch · A. Koch · J. Knievel · W.A. Schulz · P. Albers
Urologische Klinik, Medizinische Fakultät, Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf
Signaltransduktion
im Urothelkarzinom
Wie genau kennen wir die Ziele
für eine zielgerichtete Therapie?
Urologische Forschung
Bei vielen Tumoren wie etwa dem
Nierenzellkarzinom [16, 18] oder dem
Kolonkarzinom [7] konnte durch den
Einsatz zielgerichteter Tumorthera-
peutika eine Verbesserung des Be-
handlungserfolgs erzielt werden. Die-
se Wirkstoffe greifen in spezifische Si-
gnalwege ein, welche die Prolifera-
tion oder Vaskularisierung des Tu-
mors fördern. Der Einsatz solcher Me-
dikamente in der Therapie des Uro-
thelkarzinoms hat bisher jedoch nicht
den gewünschten Erfolg gebracht.
Die Entdeckung von tumorspezifischen
Veränderungen in bestimmten Signal-
transduktionswegen („cancer pathways“)
hat neue Möglichkeiten in der systemi-
schen Therapie maligner Erkrankungen
eröffnet. Beispielsweise bedingt der Ver-
lust des Von-Hippel-Lindau-Gens im
klarzelligen Nierenzellkarzinom eine
Überaktivierung des Ras/Raf/MAP-Kina-
se-Signalweges, eine Überaktivierung von
mTOR im PI3K/Akt-Signalweg sowie ei-
ne vermehrte Expression des Wachs-
tumsfaktors VEGF („vascular endothelial
growth factor“). Durch die gezielte Hem-
mung bestimmter Komponenten dieser
Signalwege, Z. B. der Raf-Kinase (Sorafe-
nib), mTOR (Temsirolimus, Everolimus),
VEGF (Bevacizumab) oder von VEGF-
Rezeptoren (Sorafenib, Sunitinib) kann
eine Tumorremission durch Proliferati-
onshemmung, Einleitung der Apoptose
(programmierter Zelltod) und vermin-
derte Vaskularisierung erreicht werden.
Diese Remission ist leider in der Regel
zeitlich begrenzt, da ein Teil der Tumor-
zellen Möglichkeiten entwickelt, die Hem-
mung zu umgehen.
Die zielgerichtete Unterbrechung eines
Signalweges an einer bestimmten Stel-
le setzt allerdings voraus, dass keine Ak-
tivierung auf einer nachgeordneten Ebe-
ne („downstream“) innerhalb der Signal-
kaskade erfolgt. Dieses Problem zeigte
sich beim Einsatz von Cetuximab, einem
EGF- („epidermal growth factor“)Rezep-
torantikörper in der Therapie des meta-
stasierten Kolonkarzinoms. In diesen Tu-
moren ist der EGF-Rezeptor häufig über-
exprimiert, was zu einer verstärkten Akti-
vierung verschiedener Tumorsignalwege
(Z. B. Ras/Raf/MAP-Kinase und PI3K/
Akt) führt. Durch eine Hemmung des
EGF-Rezeptors mit Cetuximab wird die
Aktivität dieser nachgeschalteten Signal-
wege gehemmt [6]. Allerdings finden sich
bei einem Teil der Kolonkarzinome Muta-
tionen downstream-gelegener Signalmo-
leküle wie KRAS und BRAF, so dass die
Signalwege unabhängig vom EGF-Rezep-
tor aktiv werden [1]. Konsequenterweise
führt eine Hemmung des überexprimier-
ten EGF-Rezeptors in solchen Tumo-
ren nicht zu einer Hemmung des Wachs-
tums.
Weitere Gründe für die ineffektive
Hemmung von Tumorsignalwegen kön-
nen Aktivierungen der Endstrecke durch
alternative Signalwege, Mutationen der
Zielgene selbst sowie Veränderungen der
Genexpression durch epigenetische Me-
chanismen wie DNA-Methylierung dar-
stellen (. Abb. 1). Im Idealfall sollte al-
so für den erfolgreichen Einsatz zielge-
richteter Medikamente geklärt sein, wel-
che Signaltransduktionswege in einem
Tumor tatsächlich von Bedeutung sind,
an welcher Stelle ihre Überaktivität aus-
gelöst wird und inwieweit Veränderungen
in parallelen Signalwegen oder an ihren
Zielgenen sie überflüssig machen können.
Diese Informationen erlauben letztend-
lich eine optimale individualisierte The-
rapie. Im oben genannten Beispiel spre-
chen nur metastasierte Kolonkarzinome
mit Überexpression des EGF-Rezeptors
ohne Mutationen in nachgeordneten Ef-
fektoren auf die gezielte Therapie mit Ce-
tuximab an.
Signalwege im Urothelkarzinom –
Übersicht
Muskelinvasive und nichtmuskelinvasive
Urothelkarzinome unterscheiden sich
nicht nur hinsichtlich des klinischen Bil-
des, der Prognose und ihres Verlaufs, son-
dern zeigen auch unterschiedliche mole-
kulargenetische Veränderungen. Bei pa-
pillären Low-grade-Tumoren finden sich
häufig Deletionen von Chromosom 9,
Mutationen des FGF-Rezeptors FGFR3
sowie Mutationen der PI3-Kinase; domi-
nierende Veränderungen in muskelinva-
siven Tumoren sind Verluste oder Muta-
tionen von p53 (TP53) und RB1. Papilläre
High-grade-Karzinome können typische
Veränderungen beider Gruppen zeigen
[13, 20]. Auch in Bezug auf Tumorsignal-
wege lassen sich Urothelkarzinome daher
im Wesentlichen in 2 Gruppen untertei-
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