Strategien zur Analyse komplexer kognitiver Beeinträchtigungen Karl Heinz Wiedl, Manuel Waldorf und Henning Schöttke Strategien zur Analyse komplexer kognitiver Beeinträchtigungen 1. Veränderung als Zielbereich kognitiver Diagnostik Im Zentrum unserer Überlegungen steht die Diagnostik bei umfassenden Syndro- men oder Störungen kognitiver Funktionen, die mit Hilfe spezifischer nosologischer oder edukationaler Konzepte definiert werden: Intelligenzminderung, Lembehin- derung, Demenz und neurokognitive Beeinträchtigungen im Rahmen psychischer Störungen sind bedeutsame Beispiele hierfür. In Bezug auf derartige Beeinträchtigungen wird häufig die Kontroverse zwischen der defizit- und der entwicklungsorientierten Forschungstradition thematisiert. Danach würden diese Beeinträchtigungen entweder auf genuin defizitäre und somit andersartige oder aber auf retardierte Komponenten einer im Grunde normalen Entwicklung zurückführbar sein. Die in der einschlägigen Literatur vorzufindende Evidenz weist nicht ausschließlich in eine Richtung. Eine konstruktive Auflösung der resultierenden Widersprüche bestünde in der Integration defizitärer und entwicklungsverzögerter bzw. -restringierter Komponenten im Rahmen eines heuristischen systemischen Modells (vgl. Sternberg & Grigorenko, 2002). Aus einer solchen Perspektive heraus werden komplexe Beeinträchtigungen wie Intelligenzminderung oder Lembehinderung als resultierende Funktionen neben-, m it- und gegeneinander wirkender Elemente bzw. Prozesse konzep- tualisiert. Eine solche Betrachtung berücksichtigt transaktionale Relationen: Die intraindividuelle Variation bestimmter Komponenten eines Systems verändert die Entfaltung anderer Elemente. Retardierte Entwicklung und Defizite kognitiver Funktionen stellen mögliche Folgen von Wechselwirkungen zwischen System- Komponenten dar, die ihrerseits modifizierbar oder veränderungsresistent sein mögen. Die »Komplexität« der zu analysierenden Beeinträchtigungen gründet auf dieser Perspektive. Es wird somit eine latente Dynamik unter der scheinbar statischen Oberfläche der Performanz, die durch Maße des »g«-Faktors, des Intelligenzalters und verwandter Konstrukte indiziert werden, postuliert. Es wird angenommen, dass eine eingehende Untersuchung solcher dynamischen Aspekte von Testleistungen einen Beitrag zu einer differenzierteren Betrachtung und Behandlung kognitiver Beeinträchtigungen zu leisten vermag. Eine solche Analyse bedarf allerdings der Fokussierung auf Veränderung bzw. auf Veränderbarkeit, der Formulierung bedeutsamer Untereinheiten des Systems, in denen Veränderung stattfinden kann, und schließlich akkuraterer Methoden zu ihrer Erfassung. Ein weiterer Punkt, der im Zusammenhang mit komplexen kognitiven Beein- trächtigungen von Personen, die als »retardiert«, »behindert« u. ä. etikettiert wer-