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Der Hautarzt 2 · 2003 138
Urtikaria –
ein kutanes Reaktionsmuster
Urtikaria beschreibt eines der häufigsten
entzündlichen Reaktionsmuster der Haut:
Das Auftreten von Juckreiz, Quaddeln
und/oder Angioödemen aufgrund einer
Aktivierung von Hautmastzellen. Dieses
Reaktionsmuster ist einer großen Zahl
von Urtikariaerkrankungen gemein, die
hinsichtlich ihrer Ursachen und Auslöser,
der Mastzell-aktivierenden Signale, der
Ausprägung und Dauer der Erkrankung
sowie der Behandlung unterschieden wer-
den (⊡ Tabelle 1).
Bei allen Urtikariaerkrankungen ist
die Degranulation subepidermaler kuta-
ner Mastzellen Grundlage der Quaddel-
bildung. Mastzellen schütten nach Akti-
vierung Histamin und andere proinflam-
matorische Mediatoren aus,die zur Vaso-
Leitthema
M. Maurer · A. Hanau · M. Metz · M. Magerl · P. Staubach
Urtikaria-Sprechstunde, Universitäts-Hautklinik Mainz
Relevanz von Nahrungs-
mittelallergien und
-intoleranzreaktionen als
Ursachen von Urtikaria
dilatation und zur erhöhten Extravasati-
on von Hautgefäßen führen. Daneben
werden sensorische Hautnerven aktiviert,
die für den assoziierten Juckreiz und das
Reflexerythem der Quaddel verantwort-
lich sind. Quaddeln, deren Durchmesser
von wenigen Millimetern bis zu mehre-
ren Zentimetern reichen kann, bleiben für
wenige Stunden bestehen und bilden sich
spontan zurück, ohne Folgeschäden zu
hinterlassen. Angioödeme, die nach Ak-
tivierung subkutaner Mastzellen entste-
hen, treten meist im Gesicht sowie an
Händen und Füßen auf, persistieren für
mehrere Tage und sind häufig durch
schmerzhaftes Brennen gekennzeichnet.
Nichtallergische Mechanismen
der Mastzellaktivierung
Die Schlüsselrolle der Mastzelle als Effek-
torzelle IgE-vermittelter Typ-I-allergischer
Reaktionen lässt mitunter vergessen, dass
diese Zelle auch durch andere Mechanis-
men aktiviert werden kann (⊡ Abb. 1).
Aktivierte Komplementfaktoren, Neuro-
peptide und Autoantikörper gegen den
hochaffinen IgE-Rezeptor oder IgE selbst
sind ähnlich potente MZ-Sekretagoga wie
spezifisches IgE plus Allergen (oder stär-
ker). Jedes dieser Signale kann durch die
Degranulation kutaner Mastzellen urti-
karielle Hautveränderungen induzieren.
Bisher ist weitgehend unklar, welche mast-
zellaktivierenden Signale bei welchen Ur-
tikariaerkrankungen relevant sind. Fest
steht jedoch, dass die Symptome der meis-
ten Urtikariaerkrankungen auf einer IgE-
unabhängigen Degranulation von Mast-
zellen beruhen.
Urtikaria durch Nahrungsmittel
Allergie oder Intoleranz?
Urtikaria ist eines der häufigsten Hautre-
aktionsmuster bei Nahrungsmittel (NM)-
Unverträglichkeiten. Einer NM-induzier-
ten Urtikaria können allergische und
nichtallergische Mechanismen zu Grun-
de liegen: Allergische NM-Reaktionen set-
zen eine vorausgegangene Sensibilisierung
gegen das Nahrungsmittel oder ein kreuz-
reagierendes Allergen voraus. Spezifische
IgE-Antikörper liegen also an mastzell-
ständigen hochaffinen IgE-Rezeptoren
(Fc
ε
RI) gebunden vor, um das relevante
NM-Allergen nach erneuter Aufnahme zu
erkennen und zu binden. Dies führt zu ei-
ner Fc
ε
RI-Kreuzvernetzung (crosslinking),
induziert die Aktivierung sowie Degranu-
lation von Hautmastzellen und damit das
Auftreten von Quaddeln, Juckreiz und/
oder Angioödemen.Auch nichtallergische
NM-Unverträglichkeiten (Intoleranzreak-
tionen, Pseudoallergien), die zu Urtikaria
führen, beruhen auf einer Degranulation
kutaner Mastzellen, die hier IgE-unabhän-
gig erfolgt.Welche mastzellaktivierenden
Signale bei Intoleranzreaktionen entschei-
Hautarzt 2003 · 54:138–143
DOI 10.1007/s00105-002-0481-2
Online publiziert: 29. Januar 2003
© Springer-Verlag 2003
Abkürzungen
NM: Nahrungsmittel
AU: Akute Urtikaria
CU: Chronische Urtikaria
PhysU: Physikalischen Urtikaria
CholU: Cholinergische Urtikaria
AiU: Anstrengungsinduzierte Urtikaria
NaAiU: NM-abhängige
anstrengungsinduzierte Urtikaria
KonU: Kontakturtikaria