M. Akbar
1
· S. Almatrod
1
· C.H. Fürstenberg
1
· S. Hemmer
1
· J.P. Kretzer
2
· R. Abel
3
·
T.M. Seyler
4
· T. Bruckner
5
· C. Carstens
1
· B. Wiedenhöfer
1
1
Wirbelsäulenchirurgie und Querschnittzentrum,
Stiftung Orthopädische Universitätsklinik Heidelberg
2
Labor für Biomechanik und Implantatforschung,
Orthopädische Universitätsklinik Heidelberg
3
Krankenhaus Hohe Warte, Bayreuth
4
Department of Orthopaedic Surgery, Wake Forest University,
Medical Center Boulevard, Winston-Salem
5
Institut für Medizinische Biometrie und Informatik,
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Gibbusresektion
bei Myelomeningozele-
patienten
Langzeitergebnisse, Komplikationen
und Risikoanalyse
Originalien
Hintergrund und Fragestellung
Die konservative und chirurgische Be-
handlung der lumbalen Kyphose bei Pati-
enten mit Myelomeningozele (MMC) ist
sehr schwierig und stellt eine therapeu-
tische Herausforderung für den orthopä-
dischen Chirurgen dar. Die kyphotische
Deformität im Bereich der LWS kommt
zwischen 8% und 20% bei diesem Patien-
tengut vor [8, 20]. Aufgrund der embry-
onalen Entwicklungsstörung des Wirbel-
bogens und den damit verbundenen feh-
lenden knöchernen Strukturen im Bereich
der dorsalen Wirbelsäule entsteht die Hy-
perkyphose [8]. Es kommt zu einer Vent-
ralisierung der extendierenden Muskula-
tur mit flektierendem Moment. Die Mus-
kulatur verliert ihre Funktion als Wirbel-
säulenextensor und ist nicht mehr län-
ger in der Lage den die Wirbelsäule flek-
tierenden M. iliopsoas zu antagonisieren.
Daraus entwickelt sich progredient die
Kyphose der Lendenwirbelsäule [7, 8].
Ätiologisch werden kyphotische De-
formitäten in paralytische und kongeni-
tale Kyphosen unterteilt. Die paralytische
Kyphose tritt häufiger auf. Es werden 2
Untergruppen unterschieden: die häu-
figer auftretende kollabierende Kypho-
se (44%) und die rigide Kyphose (38%)
[2, 8]. Die meisten lumbalen Kyphosen
bei diesem speziellen Patientenkollektiv
sind sehr rigide und überschreiten bereits
bei Geburt einen Krümmungswinkel von
80°. Eine Gibbuszunahme von 6–12° pro
Jahr ist in der Literatur beschrieben und
stellt keine Seltenheit dar [3, 12, 14, 15, 17,
21, 26, 29]. Unserer Erfahrung nach zeigen
MMC-Patienten mit einer lumbalen Ky-
phose Veränderungen im Bereich des hin-
teren Bogens bereits beginnend in der un-
teren thorakalen Wirbelsäule bis zum Sa-
krum [1]. Die Deformität entsteht häufig
bei Patienten mit einer hohen Lähmung
(thorakales Lähmungsniveau [8, 23]). Sel-
ten besteht eine erhaltene neurologische
Funktion unterhalb Th10. Die Gibbusde-
formität im Bereich der Lendenwirbelsäu-
le führt zu einer kompensatorischen Hy-
perlordose der angrenzenden thorakalen
und lumbosakralen Wirbelsäule [1]. Dies
ist später bei der operativen Korrektur von
Bedeutung.
Carstens et al. [8] fanden heraus, dass
bei etwa 21% der über 719 untersuchten
MMC-Patienten eine lumbale Kyphose
auf den lateralen Röntgenaufnahmen zu
finden ist. Die Gibbusdeformität war häu-
fig bei thorakal und hochlumbal gelähm-
ten Patienten anzutreffen. Es zeigte sich,
dass die meisten MMC-Patienten mit ei-
ner lumbalen Hyperkyphose eine tieftho-
rakale Lähmung hatten.
Unbehandelt führt der Gibbus auf-
grund der beschriebenen Kyphosezu-
nahme von bis zu 12° pro Jahr zu respi-
ratorischen Problemen, weil die Atem-
hilfsmuskeln nicht suffizient funktionie-
ren und die intestinalen Organe zu wenig
Platz haben [1]. Bei stark ausgeprägten
Deformitäten können die untersten Rip-
pen auf dem Oberschenkel zu liegen kom-
men [5, 15, 16].
Neben den respiratorischen und intes-
tinalen Problemen haben die Patienten
Schwierigkeiten zu sitzen und auf dem
Rücken zu liegen. Ein wesentliches Pro-
Orthopäde 2010
DOI 10.1007/s00132-010-1615-3
© Springer-Verlag 2010
1 Der Orthopäde 2010
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