Editorial
Verhaltenstherapie 2005;15:136–137 Online publiziert: 10. September 2005
DOI: 10.1159/000087950
Unser schlechter Kenntnisstand hat zu einem erheblichen Teil
forschungspraktische Gründe. Der weitaus größte Teil der
Forschung geschieht an Menschen, die bereits eine Störung
entwickelt haben. Diese suchen klinische Einrichtungen auf
und stellen sich eher für Forschung zur Verfügung. Werden
nun mehr oder minder spezifische Auffälligkeiten bei einer
Gruppe von Patienten mit einem bestimmten Problem festge-
stellt, so bleibt die Frage nach der Kausalität immer offen [vgl.
Barnow et al., 2005; Forstmeier und Rüddel, 2005; Hechler et
al., 2005]. So wichtig derartige Befunde sind, stellen sie aus
ätiologischer Perspektive doch nur einen ersten Schritt dar.
Letzten Endes haben wir nur eine Korrelation zwischen dem
Vorliegen der Störung und der wie auch immer erfassten
«Auffälligkeit» gefunden. In Bezug auf die Störungsvariable
bleibt dieser Ansatz korrelativ. Als Königsweg zu kausalen
Aussagen gilt nach wie vor das Experiment. Ein echter experi-
menteller Ansatz stößt aber in unserem Feld auf enge ethi-
sche Grenzen: Wir können nicht einfach Menschen krank ma-
chen, um unsere Theorien zu überprüfen. Damit bleibt das
Henne-Ei-Problem ungelöst. Was kam zuerst: die Depression
oder die kognitive Verzerrung, der passive Rückzug, die Auf-
fälligkeiten im serotonergen System, beim Cortisol oder bei
der Stressverarbeitung?
Wollen wir jedoch wirklich verstehen, wie psychische Gesund-
heit und Krankheit entstehen, so müssen wir über das rein
korrelative Stadium der Forschung hinauskommen. Dazu
müssen wir die von uns angenommenen ätiologischen Fakto-
ren zunächst in dem dargestellten Schema einordnen. Dann
müssen wir zeigen, dass die potentiellen Vulnerabilitätsfakto-
ren oder Auslöser wirklich der Störung vorausgehen und wie
sie mit salutogenen und schützenden Faktoren interagieren.
Das kann nur mit Hilfe prospektiver Längsschnittstudien er-
folgen, deren hoher Aufwand ein wichtiger Grund für ihre
Seltenheit ist. Im nächsten Schritt müssen wir untersuchen, ob
sich derartige Faktoren verändern lassen und schließlich, ob
Was wissen wir wirklich über die Ursachen psychischer Stö-
rungen? Genau besehen, wissen wir erstaunlich wenig. Die
meisten unserer Befunde bleiben auf der Ebene von Korrela-
tionen. Aber wir können dennoch einige wichtige, grundle-
gende Aussagen machen, die dann später für die mehreren
Hundert Störungen aus ICD oder DSM ausdifferenziert wer-
den müssen.
Grundsätzlich entstehen psychische Störungen bei einer ne-
gativen Balance zwischen gesundheitsfördernden, schützen-
den, salutogenen Faktoren einerseits und pathogenen Fakto-
ren andererseits. Bei den pathogenen Faktoren ist es zudem
sinnvoll, zwischen Vulnerabilität, auslösenden und aufrechter-
haltenden Faktoren zu unterscheiden. Abbildung 1 veran-
schaulicht dieses Beziehungsgeflecht. Auf der Seite der patho-
genen Faktoren haben die verschiedenen Berufsgruppen
unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt. Während psychiatri-
sche und biologische Theoretiker vor allem die Vulnerabilität
betonten, konzentrierten sich Umwelttheoretiker stärker auf
auslösende Bedingungen, insbesondere im sozialen Raum.
Die Verhaltenstherapie betonte von jeher neben den auslö-
senden vor allem die aufrechterhaltenden Faktoren. Allge-
mein tendieren Kliniker dazu, die Rolle pathogener Bedin-
gungen zu überschätzen und die Bedeutung salutogener und
schützender Prozesse zu vernachlässigen.
Mit Hilfe dieses Denkmodells wird deutlich, dass wir am bes-
ten über die aufrechterhaltenden Faktoren Bescheid wissen
und am wenigsten über die Bestandteile und Mechanismen
der Vulnerabilität. Natürlich sind die aufrechterhaltenden
Faktoren als Ansatzpunkt für therapeutische Veränderungen
von besonderer Bedeutung. Wir wollen ja die Zukunft verän-
dern und nicht die Vergangenheit. Aber aus ätiologischer Per-
spektive ist es mehr als unbefriedigend, dass wir so wenig dar-
über wissen, wie pathogene Entwicklungen überhaupt in
Gang kommen bzw. wie und warum die Balance zwischen sa-
lutogenen und pathogenen Einflüssen ins Negative umschlägt.
Prof Dr. rer. soc. Jürgen Margraf
Institut für Psychologie
Universität Basel
Missionsstr. 60–62, 4055 Basel, Schweiz
Tel. +41 61 26706-60, Fax -48
E-mail juergen.margraf@unibas.ch
Verhaltenstherapie
Was wissen wir wirklich?
Jürgen Margraf
Institut für Psychologie, Universität Basel, Schweiz
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