Orthopäde 2011 · 40:178–182 DOI 10.1007/s00132-010-1727-9 Online publiziert: 20. Januar 2011 © Springer-Verlag 2011 D. Matziolis 1 · C. Perka 1 · R. Hube 2 · G. Matziolis 1 1 Orthopädische Klinik, Centrum für Muskuloskeletale Chirurgie, Charité-Universitätsmedizin Berlin 2 Orthopädische Chirurgie München (OCM), München Einfluss der Blutleere auf den perioperativen Blutverlust nach Knietotalendoprothesen- implantation Originalien Hintergrund Die Verwendung eines Tourniquets in der Endoprothetik des Kniegelenks wird fort- während kontrovers diskutiert. Im Gegensatz zur Jetlavage [4, 16] gibt es in Ermangelung vergleichender Studien bislang keine Evidenz für eine verbesserte Zementierqualität durch die Verwendung eines Tourniquets, sodass insbesondere der Effekt auf den perioperativen Blutver- lust die Entscheidung für oder wider eine Operation in Blutleere beeinflusst. Es fin- den sich Arbeiten, die entweder eine Re- duktion, eine Vermehrung oder keinen Effekt auf den Blutverlust durch die Ver- wendung eines Tourniquets zeigen [1, 6, 8, 15, 22, 24]. Ein methodisches Problem vie- ler dieser Studien ist die limitierte Fallzahl mit weniger als 50 Patienten pro Gruppe, die eine Verallgemeinerung der Untersu- chungsergebnisse kritisch erscheinen lässt [1, 6, 13, 15, 22, 24]. Die widersprüchlichen Studienergeb- nisse können – außer durch die gerin- gen Fallzahlen – u. a. auf die unterschied- liche Methodik der Blutverlusterfassung zurückgeführt werden (direkte Messung der intra- und postoperativen Drainage- menge vs. Kalkulation des Gesamtblut- verlusts). Auch die Heterogenität bei der Anwendung des Tourniquets (Blutsper- re vs. Blutleere), des Inflationsdrucks und des Deflationszeitpunkts (vor vs. nach Wundverschluss) kann die widersprüch- lichen Literaturdaten erklären. In der vorliegenden Arbeit sollte da- her der Effekt einer Blutleere mit bis zum Wundverschluss konstantem Inflations- druck auf den perioperativen berechneten Blutverlust beim endoprothetischen Knie- gelenkersatz an einem für eine statistisch relevante Aussage hinreichend großen Pa- tientenkollektiv untersucht werden. Material und Methoden In diese retrospektive Fall-Kontroll-Stu- die wurden 600 Patienten eingeschlos- sen, die zwischen 09/2004 und 09/2009 einen endoprothetischen Ersatz des Knie- gelenks bei primärer Gonarthrose erhal- ten hatten und entweder in Blutleere oder ohne Tourniquet operiert worden waren. Da die Verwendung eines Tourniquets an unserer Klinik umgestellt worden war, wurden je 300 Patienten, die vor und nach diesem Zeitpunkt operiert worden waren, hinsichtlich der Ausschlusskriterien ge- screent. Während der Einschlusszeit ver- änderten sich weder die verwendeten En- doprothesentypen noch die präferierten operativen Zugangswege (Subvastus, Mi- ni-Midvastus und parapatellär nach Indi- kation und Vorliebe des Operateurs) oder das perioperative Management an unserer Klinik, sodass die Untersuchungsgruppen trotz historischem Kollektiv weitgehend vergleichbar waren. Ausgeschlossen wurden Patienten, die eine medikamentöse Antikoagulation bis zu 4 Wochen vor der stationären Aufnah- me (z. B. Vitamin-K-Antagonisten, ASS) erhalten hatten oder eine Leberfunktions- oder Gerinnungsstörung aufwiesen, die dadurch gekennzeichnet war, dass einer der folgenden Laborparameter außerhalb des Referenzbereichs lag: F PTT, F Quick, F GOT, F GPT. Bei Vorliegen einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit, Ulcera cruris oder einer Thromboseanamnese erfolgte die Operation ohne Tourniquet, sodass die- se Patienten aus der Studie ausgeschlos- sen wurden, um einen Bias zu vermeiden. Es verblieben 262 Patienten, die mit, und 285 Patienten, die ohne Blutsperre ope- riert worden waren. Folgende Daten wurden aus den Pati- entenakten erhoben: F Geschlecht, F Körpergröße, F Körpergewicht, F Alter, F American-Society-of-Anesthesiolo- gists- (ASA-)Klassifikation, F Anzahl der perioperativen Bluttrans- fusionen, F Hämatokrit vor und einen Tag nach der Operation. Operation Die Operationen erfolgten nach Indika- tion des Anästhesisten und Wahl des Pa- tienten in Allgemein- oder Regionalan- ästhesie. Alle Patienten erhielten eine ze- mentierte Knietotalendoprothese. In der Gruppe mit Blutleere wurde das Tour- niquet präoperativ angelegt und die Ex- 178 | Der Orthopäde 2 · 2011