Orthopäde 2010 · 39:771–776 DOI 10.1007/s00132-010-1627-z Online publiziert: 30. Juli 2010 © Springer-Verlag 2010 S. Shafizadeh · T. Tjardes · E. Steinhausen · M. Balke · T. Paffrath · B. Bouillon · H. Bäthis Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie und Sporttraumatologie, Krankenhaus Köln- Merheim, Kliniken der Stadt Köln, Lehrstuhl der Universität Witten/Herdecke, Köln Schockraummanagement von Schwerverletzten Eignet sich ATLS® als SOP? Leitthema Die vermittelten Behandlungsalgo- rithmen des ATLS®-Konzepts verste- hen sich als interdisziplinäre Stan- dardvorgehensweise der Behandlung Schwerverletzter, unabhängig von der Versorgungsstufe und der ver- fügbaren Ressourcen des einzelnen Krankenhauses. Angepasst an die lo- kalen Gegebenheiten eignet sich das ATLS®-Konzept für die Entwicklung, Einführung, Evaluation und Überar- beitung von SOP. Eine „Standard Operating Procedure“ (SOP) stellt eine Standardvorgehensweise bzw. eine Arbeitsanweisung sich wieder- holender Arbeitsprozesse dar. Wie aus an- deren Bereichen (z. B. Luftfahrt) bekannt ist, eignen sich solche Standardvorge- hensweisen, um das Fehlerpotential hoch komplexer Arbeitsprozesse zu verringern, mentale und personelle Ressourcen sinn- voll einzusetzen und Arbeitsprozesse öko- nomisch effizienter zu gestalten. Das „Advanced Trauma Live Sup- port“- (ATLS®-)Konzept stellt zum ei- nen ein Ausbildungskonzept dar, das ein standardisiertes, prioritätenorientiertes Schockraummanagement von schwer- verletzten Patienten lehrt. Zum anderen stellt das ATLS®-Konzept eine Standard- vorgehensweise zur Behandlung Schwer- verletzter dar mit dem übergeordneten Ziel, die schnelle und genaue Einschät- zung des Zustands schwerverletzter Pa- tienten zu ermöglichen und eine priori- tätenorientierte Behandlung („treat first what kills first“) einzuleiten. Über allem stehen die Gedanken, Fehler zu reduzie- ren, Sekundärschäden zu vermeiden, die Zeit nicht aus den Augen zu verlieren und eine gleichbleibende Qualität der Versor- gung Schwerverletzter sicher zu stellen. Der interdisziplinäre Behandlungsan- satz und der strukturierte Behandlungs- algorithmus haben weltweit dazu geführt, dass ATLS® nicht nur als Ausbildungskon- zept sondern auch als Grundlage für die Erarbeitung von Schockraum-SOP aner- kannt ist [3, 7 , 19, 21]. Im Folgenden werden das ATLS®-Kon- zept sowie die verschiedenen Grundlagen einer SOP für die Schwerverletzenversor- gung dargestellt. Das ATLS®-Konzept Der von ATLS® vermittelte Behandlungs- algorithmus orientiert sich wesentlich an den später detaillierter aufgeführten me- dizinischen Grundlagen und Notwendig- keiten der Schwerverletztenversorgung. E Die Standardvorgehensweise zur Behandlung Schwerverletzter nach dem ATLS®-Konzept sieht zwei diagnostische Zyklen vor. Die Erstuntersuchung („primary survey“) orientiert sich an den Vitalfunktionen und wird bei Bedarf durch lebenserhaltende Erstmaßnahmen ergänzt. Die Zweitun- tersuchung („secondary survey“) hat das Ziel, alle relevanten anatomischen Verlet- zungen zu erkennen und wenn notwen- dig, Untersuchungen durch zusätzliche diagnostische Schritte („adjuncts“) zu er- gänzen. Im Rahmen dieser Zyklen erfol- gen engmaschige Reevaluationen, die den Zustand des Polytraumatisierten bewer- ten, sowie die Prüfung, ob die eigenen lo- kalen Ressourcen zur Behandlung der di- agnostizierten Verletzungen ausreichen. Erstuntersuchung („primary survey“) Bei der Erstuntersuchung werden die akut bedrohlichen Verletzungen nach dem ABCDE- („airway, breathing, circulati- on, disability, exposure“-)Konzept/Algo- rithmus erfasst (. Tab. 1). Das wichtigs- te Ziel in den ersten Minuten ist es, ausrei- chend Sauerstoff an die lebenswichtigen Zellen zu bringen. Dazu sind die Sauer- stoffaufnahme und der Sauerstofftrans- port notwendig. Parallel zur Untersuchung werden, falls notwendig, Maßnahmen ergriffen, um die Vitalfunktionen zu stabilisieren. Die Ab- läufe werden hier aufeinander folgend nach ihrer zeitlichen und inhaltlichen Pri- orität dargestellt. Im Schockraum laufen die verschiedenen Untersuchungsschritte abgesprochen zwischen den Fachgrup- pen simultan ab. Idealerweise ist der Ab- lauf der Untersuchungsschritte in einer SOP festgelegt. Zweituntersuchung („secondary survey“) Die Zweituntersuchung beginnt erst, nachdem die Erstuntersuchung (ABC- 771 Der Orthopäde 8 · 2010 |