DOI: 10.1002/bewi.201401696 „Simulanten des Irrsinns auf dem Vortragspult“: Dada, Krieg und Psychiatrie, eine ,Aktive Traumadynamik‘ Gabriele Dietze Summary: “Simulanten des Irrsinns auf dem Vortragspult”: Dada, War and Psych- iatry – ‘Active Dynamics of Trauma’. This paper relates stage performances of dada ar- tists to war neurosis and shellshock as sociocultural phenomena. The leitmotif of this in- vestigation is the notion of simulation, as dada artists were referred to as malingerers (si- mulators) of madness by the press at the time. I hypothesize that the performers imitate/ simulate with drums, shouting and ‘bruitist’ sound poems, the noises of war, staging themselves as war neurotics in a kind of shocking clinical demonstration. Both discoiurses intersect in the fact that many dadaists try to dodge the draft by simulating madness. The scandalizing anti-art of dada will be understood as contagious anti-pedagogy, trying to vaccinate against the madness of the era. Keywords: simulation, dada, Cabaret Voltaire, World War I, war psychiatry, war neuro- sis, shell shock, trauma, electric shock therapy, clinical demonstration Schlüsselwçrter: simulation, dada, Cabaret Voltaire, World War I, war psychiatry, war neurosis, shell shock, trauma, electric shock therapy, clinical demonstration Publikumsbeschimpfung 1916 wurde Dada in Zürich von Exilanten gegründet, von rumänischen, deutschen, el- sässisch/franzçsischen und çsterreichischen Deserteuren und Wehrdienstverweigerern, die zu großen Teilen geistige Stçrungen simuliert hatten, um nicht kriegsverwendungsfä- hig zu sein. Zu Dada in Zürich schreibt Richard Huelsenbeck: „[…es war ein] Brenn- punkt kritischer Energien, ein Zentrum revolutionärer Temperamente. Wer Zürich er- reichte, hatte sich aus dem Blutozean, wenn auch für kurze Zeit, gerettet. Hier war eine Urlaub-von-dem-Tode-Stimmung“. 1 Im Februar 1918 wurde Dada nach Berlin getragen. Der Krieg war fast verloren, und im Stadtbild tauchten die auf, die die Massenschlächterei gerade noch lebendig ausge- spuckt hatte: die Versehrten mit Kopfschuss und den grotesk verunstalteten Gesichtern, die Amputierten und vor allem das Gespensterheer der Kriegszitterer. 2 Das Dadaistische Manifest, das zur 1. Berliner Dada SoirØe 1918 vorgetragen und im Publikum verteilt wurde, platziert sich auf diesem Theater der Zerstçrung. Die hçchste Kunst wird die sein […, die] sich von den Explosionen der letzten Woche werfen ließ, die ihre Glieder wieder unter dem Stoß des letzten Tages zusammensucht. Die besten und unerhçrtesten Künstler werden die sein, die stündlich die Fetzen ihres Leibes aus dem Wirrsal der Lebenskatarakte zusammenreißen, verbissen in den Intellekt der Zeit, blutend an Händen und Herzen. 3 G. Dietze, Humboldt Universität Berlin, Institut für Europäische Ethnologie, Unter den Linden 6, 10099 Berlin, E-Mail: gabriele.dietze@rz.hu-berlin.de 2014 WILEY-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim 1 Dies ist nicht die endgültige Seitenzahl! ÞÞ Ber. Wissenschaftsgesch. 37 (2014) 1 – 19 www.bwg.wiley-vch.de