Diskursforschung zur Ökonomie Jens Maeße 1. E INLEITUNG Große Teile der akademischen Wirtschaftswissenschaft verstehen sich als positi- vistische Modellwissenschaft, die mit mathematischen und statistischen Metho- den mikroökonomisches Handeln und makroökonomische Zusammenhänge untersucht (Fourcade 2009). Obwohl insbesondere die mikroökonomische Theo- rie einen Informationsaustausch zwischen Akteuren unterstellt, haben die Klassi- kerInnen der Ökonomie bisher auf die Entwicklung einer Kommunikations- und Sprachtheorie verzichtet (siehe dazu Männel 2002). Sprache wird vielmehr auf ein Informationsübertragungsvehikel reduziert (Reddy 1979), das es den Akteu- ren ermöglicht, sich am Markt zu orientieren. Vor diesem Hintergrund wird von KritikerInnen aus einem interdisziplinären Umfeld der Diskursbegriins Feld ge- führt, um jenseits des Positivismus Räume für eine kritische, reflexive Forschung zu ökonomischen Fragestellungen zu erönen. Inwiefern die dem homo oeconomi- cus kritisch gegenüber stehenden verhaltensökonomischen, spieltheoretischen und informationsökonomischen Ansätze sich gegenüber Sprache und Diskurs önen, werden zukünftige Debatten zu klären haben. In ihnen müssten die bestehenden psychologisch-kognitiven Ansätze mit sprach- und diskurstheoretischen Überle- gungen verbunden werden. Die Diskursforschung trägt dazu bei, den szientistisch-positivistischen Charak- ter der ökonomischen Theorie zu dekonstruieren. So werden etwa ökonomische Grundbegrie als »bloße Metaphern« zurückgewiesen, wird der Zusammenhang zwischen Anwendungsbezug im Betriebsmanagement und Forschung in der Be- triebswirtschaftslehre als Teil des akademischen Wissenschaftsbetriebes thema- tisiert, und es wird auf den konstitutiven, wirklichkeitsstiftenden Charakter von Sprache und Diskurs hingewiesen. Der Sprache und dem Diskurs wird eine eigen- ständige Wirkmacht jenseits von szientistisch-kausaler Genauigkeit und informa- tionaler Korrektheit unterstellt. Die diskurs- bzw. sprachanalytische Kritik an der ökonomischen Disziplin stellt die etwa 40 Jahre andauernde Trennung von Sozial- und Wirtschaftswissenschaften einerseits und die Aufteilung in einen wissen- schaftlich-akademischen (VWL) und einen anwendungsorientierten Flügel (BWL) der Ökonomik infrage und plädiert für eine kultur- und sozialwissenschaftliche Önung des Fachs (siehe etwa Astley/Zammuto 1992; Diaz-Bone/Krell 2009).