Praxis und Repräsentation kolonialer Herrschaft: Die Reise des Staatssekretärs Bernhard Dernburg nach Ostafrika, 1907 Michael Pesek Nahezu zwanzig Jahre hatten die Kolonien nur eine unwesentliche Rolle in den politischen Auseinandersetzungen des Deutschen Kaiserreiches gespielt. 1884 hatte Bismarck mit den so genannten »Samoa«-Wahlen, die Kolonialfrage mit in- nenpolitischen Kalkülen verknüpft und hatte damit, gewollt oder nicht, Deutschlands Aufstieg zur Kolonialmacht eingeleitet. Aber das war vorerst die letzte große kolonialpolitische Debatte des Kaiserreiches gewesen. 1907 versuch- te Reichskanzler Bernhard von Bülow, es Bismarck in den so genannten »Hot- tentottenwahlen« gleichzutun und aus der Kolonialpolitik innenpolitischen Pro- fit zu schlagen. Damit holte er die Kolonien aus jenem Dornröschenschlaf, in den sie für weite Teile der deutschen Öffentlichkeit versunken waren. 1 Zu dieser Zeit steckte die Kolonialpolitik des Deutschen Reiches in einer tie- fen Krise. 1904 hatten sich die Herero in Deutsch-Südwestafrika erhoben. Im gleichen Jahr war es zum Maji-Maji-Aufstand in Deutsch-Ostafrika gekommen. Beide Aufstände konnten nur unter großen Mühen und durch das Eingreifen zusätzlicher Militärkontingente aus der Heimat niedergeschlagen werden. Bei- derorts forderte eine mit genozidärem Vernichtungswillen geführte Politik der verbrannten Erde einen hohen Blutzoll unter der afrikanischen Bevölkerung, hinterließ verwüstete Landschaften sowie soziales und wirtschaftliches Chaos. Doch es waren nicht nur diese Aufstände, die das Scheitern deutscher Kolonial- politik in Afrika deutlich werden ließen. Drangen Nachrichten aus den Kolonien nach Deutschland, dann waren es meist solche über Skandale: ob über prügeln- de und dem so genannten »Tropenkoller« anheim gefallene Beamte oder über die heillose Verschwendung von Steuergeldern. Nahezu vier Millionen Reichs- mark steckte das Kaiserreich jedes Jahr allein in die Kolonie Deutsch-Ostafrika, ohne dass es zu einer nennenswerten wirtschaftlichen Entwicklung gekommen wäre. Weite Teile der deutschen Wirtschaft mieden die Kolonie, deren politi- sche Situation zumeist wenig stabil und die für eine wirtschaftsfeindliche und gängelnde Bürokratie berüchtigt war. 2 1 Albert Wirz, »Die deutschen Kolonien in Afrika«, in: Europäische Kolonialherrschaft. Die Ex- pansion in Übersee von 1880–1940, hrsg. von Rudolf von Albertini (München: Wilhelm Hey- ne Verlag, 1982), S. 444–480, insbes. S. 467. 2 Vgl. etwa die Kritik des Kolonialbundes, einer einflussreichen Lobby- und Kolonialpropagan-