1 Berliner Debatte Initial 25 (2014) 4 Ulrich Brieler, Axel Rüdiger, Florian Heßdörfer Ein japanischer Hegel? Zum Werk von Karatani Kōjin anlässlich der Veröffentlichung von „Auf der Suche nach der Weltrepublik“ Die internationale Debatte über eine Erneue- rung der materialistischen Denkungsart ist frag- los unterentwickelt. Was weiß die ergraute Neue Linke von den Diskussionen in Asien, Afrika, Osteuropa und Südamerika? Selbst das Wenige an „subaltern studies“ oder „colonial studies“ scheint nur Insidern bekannt. In Deutschland etwa herrscht schon großes Unwissen darüber, was in Frankreich gedacht wird. Wer kennt Jean Claude Michéa und Bernard Stiegler, Paul Jorion oder Isabelle Garo? Schon Alain Badiou wird als theoretischem Unhold die Tür gewie- sen. Und was an radikalem Denken außerhalb des europäisch-nordamerikanischen Kosmos geschieht, findet noch weniger Beachtung. Wir wissen zu wenig, was und wie woanders gedacht wird. Unter diesen Index fällt auch der 1941 geborene japanische Literaturkritiker und Philosoph Karatani Kōjin. 1 Karatani, der sich selbst als globaler Intellektueller versteht, ist spätestens seit seiner Arbeit „Transcritique. On Kant and Marx“ 2 mehr als ein Geheimtipp. Im Ringen um ein Verständnis der Krisenpro- zesse in Japan und der Systemumbrüche nach 1989/90 entwirft er eine ganz eigene Kritik des globalen Kapitalismus, die primordial und aktualitätshistorisch zugleich ist. Gleichsam ein Nomade in den Geisteswissenschaften versucht er in immer neuen Anläufen, verkrustete Apri- ori aufzubrechen, um Weltgeschichte als ein tatsächlich globales Geschehen in historisch- systematischer Dimension zu entfalten. Mit „The Structure of World History: From Modes of production to Modes of Exchange“ ist 2014 ein weiteres großes Werk von ihm in englischer Übersetzung erschienen. So trifft es sich gut, dass nun die erste deutsche Veröffentlichung der geschichtsphilosophischen Ideen Karatanis vorliegt: „Auf der Suche nach der Weltrepublik. Eine Kritik von Kapital, Nation und Staat“. 3 Das Buch ist eine für das deutsche Publikum verdichtete Edition seiner „Structure of World History“. Es gibt einen vorzüglichen Einblick in Karatanis Denken, in seine theoretischen Referenzen und politischen Optionen. Die „Weltrepublik“ ist zunächst ein bemer- kenswerter, weil ungewöhnlicher Beitrag zu einer materialistischen Diskussion der globalen Verhältnisse. Richtet sich sein diagnostischer Blick doch in einer global-, ja gattungsgeschicht- lichen Perspektive ein. Diese Ambition einer neuen universalen Meistererzählung gibt der Arbeit etwas maximal Unzeitgemäßes. Denn eine geschichtsphilosophische Anstrengung traut sich die materialistische Denkungsart seit langem nicht mehr zu. Immanuel Wallerstein, nicht zufällig an Achsenpunkten des Buches ein Gesprächspartner Karatanis (14, 39, 135, 218), war der letzte, der zumindest für die Geschichte des Kapitalismus ein derartiges Unternehmen in Angriff nahm. Dies ist der geschichtsphilosophische Einsatz: Karatani will in einem umfassenden Zugriff die Welt- geschichte neu erzählen. Er will diese Geschichte aber auch anders erzählen. Das Buch versteht sich als eine Polemik innerhalb der materialistischen Den- kungsart und hält dem „westlichen Marxismus“ (Perry Anderson) den Spiegel seiner Fehler vor. Es zielt auf die Kritik derjenigen, die Karatani, ohne konkrete Adressaten zu nennen, als „die Marxisten“ bezeichnet. Der Kern seiner Po- lemik ist die Vernachlässigung von Staat und 2014-4 Rez Brieler Rüdiger Hessdörfer.indd 1 04.12.2014 07:13:21