Lungenkrebs: vom Gen zur Therapie
Thomas Zander, Matthias Scheffler, Sascha Ansen, Jürgen Wolf
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Klinik I für Innere Medizin, Centrum für Integrierte Onkologie, Universitätsklinikum Köln.
ZUSAMMENFASSUNG
Lungenkrebs ist eine Erkrankung, die durch somatische genetische Verän-
derungen hervorgerufen wird. Diese führen zu onkogenen Abhängigkeiten,
die pharmakologisch angegangen werden können. Grundlage einer erfolg-
reichen pharmakologischen Inhibition mit Umsetzung in die klinische Praxis
ist ein fundiertes biologisches Verständnis der funktionellen Auswirkungen
dieser somatischen genetischen Veränderungen. Zur funktionellen Untersu-
chung eignen sich hier Zelllinienmodelle, die in zunehmender Komplexität
zur Verfügung stehen. Ein weiterer entscheidender Schritt ist die Evaluation
der pharmakologischen Inhibition in vivo in Mausmodellen. Eine Vielzahl
solcher Modelle wurde bereits etabliert. In den nächsten Jahren wird es ent-
scheidend sein, die Gene zu identifizieren, die zu einer onkogenen Abhän-
gigkeit führen, diese funktionell zu untersuchen und letztlich die Substanzen
zu identifizieren, die diese Onkogene inhibieren. Es ist davon auszugehen,
dass mit dieser Strategie ein individueller Einsatz solcher Medikamente zu
einer entscheidenden Verbesserung des Überlebens von Patienten mit Bron-
chialkarzinom führen wird.
Schlüsselwörter: Lungenkrebs · Zielgerichtete Therapie · Mutation ·
Gen
onkopipeline 2010;3:81–6.
DOI 10.1007/s15035-010-0191-7
ABSTRACT
Lung Cancer: from Gene to Therapy
Lung cancer is a disease driven by somatic genetic changes leading to on-
cogene addiction which can be pharmacologically addressed. Each pharma-
cological inhibition being successful in clinical evaluation is based upon an
exact functional understanding. The function of such somatic genetic chang-
es can be studied in cell line models. Large panels of such cell line models
have been presented and the validity of these model systems now has been
proven. In addition, mouse models are also necessary to further study in vivo
the pharmacological inhibition of somatic genetic changes. In the near future
it will become crucial to identify those genes altered in lung cancer which
lead to an explicit oncogene addiction. Preselecting patients according to their
genetic profile for a distinct therapy most probably will lead to significant
improvements for patients with lung cancer.
Key Words: Lung cancer · Targeted therapy · Mutation · Gene
onkopipeline 2010;3:81–6.
DOI 10.1007/s15035-010-0191-7
L
ungenkrebs ist die häufigste
Krebstodesursache weltweit. Über
1 Mio. Menschen versterben jährlich
an dieser Krebserkrankung. Obwohl
die fatale Rolle des Rauchens als
Hauptrisikofaktor für die Entstehung
von Lungenkrebs schon lange bekannt
ist, kann weltweit noch keine signifi-
kante Reduktion des Zigarettenkon-
sums beobachtet werden. In den west-
lichen Industrienationen hingegen zeigt
sich in jüngerer Zeit eine Abnahme der
lungenkrebsassoziierten Mortalität als
Ausdruck erfolgreicher Präventions-
programme. Dennoch wird Lungen-
krebs in den kommenden Jahrzehnten
eine der führenden Krebstodesursachen
bleiben (http://www.dep.iarc.fr/globocan/
database.htm).
Krebs wird durch die Aktivierung
und Inaktivierung von Schlüsselgenen
verursacht, die wichtige regulatorische
Schaltkreise wie Zellzykluskontrolle,
DNA-Reparatur oder Apoptose regu-
lieren. Ein zentraler biologischer Me-
chanismus für die Aktivierung und
Inaktivierung von Genen stellt die
Mutation dar. In kaum einer Tumor-
entität sind so viele Mutationen zu
erwarten wie beim Lungenkrebs. Ur-
sache hierfür sind Karzinogene im Zi-
garettenrauch, die durch die Bildung
von DNA-Addukten zu Mutationen
führen [28]. Diese Karzinogenwirkung
zeigt sich z.B. im Mutationsspektrum
von p53 oder KRAS. Hier finden sich
vor allem Transversionen von Guanin
zu Thymidin, die typischerweise durch
rauchassoziierte Karzinogene entstehen
( http://www.sanger.ac.uk/genetics/
CGP/cosmic/). Im Schnitt tritt Lun-
genkrebs nach ca. 50 Pack-Years auf,
dies entspricht 50*7 300 Zigaretten.
Neuere Resequenzierungsdaten erlau-
ben erstmals eine Abschätzung des
Gesamtmaßes an genetischen Verän-
derungen in Lungenkrebszellen. So
liegen bei einer malignen Lungen-
krebszelle mehr als 22 000 Mutationen
vor, davon über 100 in kodierenden
Bereichen. Dies bedeutet, dass im
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onkopipeline
GENETIK · DIAGNOSTIK · THERAPIE GRAND ROUNDS
2010;3:81–6 (Nr. 2), © Urban & Vogel, München