Automatische Irritationen 195 Lars Frers Automatische Irritationen: Überlegungen in Video zur Initiativentfaltung der Dinge Es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Annäherungsweisen an eine Auseinandersetzung mit den Dingen. In diesem Beitrag will ich die Gründe für die von mir ausgewählte An- näherung auf zwei Ebenen aufzeigen, in theoretischer Hinsicht und mit Blick auf das methodische Vorgehen. Im Anschluss daran werde ich auf zwei kurze Videosequenzen eingehen, in denen sich die Dinge im irritierenden Wechselspiel mit den Menschen zei- gen. Ausgehend von der Grundsatzdiskussion und dem empirischen Material, werde ich im letzten Abschnitt diskutieren, warum es mir weniger um die Sprache der Dinge als das Sprechen, sondern vielmehr um das Interagieren von Menschen und Dingen geht. Wird dieses Interagieren zum Zentrum der Analyse gemacht, dann wird deutlich, dass die Frage nach der Initiative im Umgang mit den Dingen neben den Fragen nach Inten- tion oder Ziel eine eigene Berechtigung hat und dass sie eine eigene Erklärungskrat ent- faltet. Wie stellen sich mir die Dinge in meinem alltäglichen Umgang mit ihnen dar? Was tun sie mit mir, während ich etwas mit ihnen tue? Diese Fragen umreißen den Aus- gangspunkt meines Vorgehens. Um diese Position noch klarer auszuweisen, will ich je- doch auch einige negative Bestimmungen vornehmen, denn die Motivation meines Vorgehens speist sich ebenfalls aus einer Abgrenzung gegen andere, in den Sozialwis- senschaten etablierte Perspektiven. Es geht mir dabei weniger um die Abgrenzung ge- gen die anderen Perspektiven als solche, sondern darum, was eine Betrachtung aus die- sen Perspektiven mit den Dingen anstellt. Besonders deutlich wird die Zurechtformung der Dinge für die Analyse in der For- mulierung, ein Ding ‚als‘ etwas zu untersuchen. In gewisser Weise kann jedes Ding ‚als‘ jede beliebige andere Entität betrachtet werden. Genauso kann die Kategorie des Dings oder der Dinge ‚als‘ etwas anderes betrachtet werden: das Ding als Mensch-Maschine- Interface, als Medium, als Grenze, als Metapher, als Symbol oder auch als ‚Ding-an-sich‘. Insbesondere im Schreiben über das oder die entsprechend zugeordneten Dinge lässt sich mit diesen allerlei anstellen. Die Freiheit der Sprachspiele 1 ist groß und erlaubt eine kaum begrenzte Vielzahl an Zurechtformungen. Gegen diese produktiven Operationen mit den Dingen soll keine Forderung nach einer Rückkehr zum eigentlichen Wesen der Dinge gestellt werden – ein Wesen, das sich als solches sowieso nicht ergründen ließe, ohne sich hofnungslos in den alten Konlikt zwischen Transzendentalem und Empiri- schem zu verstricken. Statt mir die Freiheit zu nehmen, die Dinge einfach selbst in einen mehr oder weni- ger beliebigen Kontext zu platzieren, will ich versuchen, für meine Analyse den Dingen dort zu begegnen, wo sie mir auch in meinen alltäglichen Praktiken begegnen. Auf die- se Weise rückt die Widerständigkeit der Dinge zusammen mit ihrem Angebotscharak- ter ins Zentrum der Analyse. In den Alltagspraktiken sind die Dinge entschieden mehr ethno.indb 195 ethno.indb 195 03.04.10 15:21 03.04.10 15:21