Z Med Psychol 14 DOI: 10.3233/ZMP-2010-2010 Psychologische Diagnostik von Nikotinabhängigkeit und -missbrauch im Kindes- und Jugendalter Psychological Assessment of Nicotine Dependence and Abuse in Childhood and Adolescence Jessica Partzsch, Gabriele Helga Franke & Susanne Jäger Zusammenfassung Frage: Epidemiologische Untersuchungen belegen die Relevanz nikotin- bedingter Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Ziel der vorliegen- den Arbeit ist es, aufzuzeigen, mit welchen Mitteln der psychologisch- diagnostische Prozess bei Kindern und Jugendlichen mit Störungen durch Nikotingebrauch derzeit im deutschsprachigen Raum effektiv gestaltet wer- den kann, beziehungsweise wo Handlungsbedarf besteht. Methode: Einbezogen wurden für die Fragestellung relevante Publikatio- nen und Manuale deutscher psychologisch-diagnostischer Verfahren. Ge- nutzt wurden die Datenbanken PsyContent, SpringerLink und PubMed so- wie die Suchmaschine Google-Scholar mit den Suchbegriffen „Nikotin- abhängigkeit“, „Tabakabhängigkeit“, „Raucher“, „psychologische Diagno- stik“, „Kinder“ und „Jugendliche“. Es werden die diagnostischen Möglich- keiten im deutschen Sprachraum hinsichtlich Messintention und Gütekrite- rien bewertet. Ergebnisse: Im deutschen Sprachraum bestehen hinsichtlich nikotinspezifi- scher Assessmentverfahren große Lücken. Dies betrifft die Anpassung sol- cher Verfahren an den hier behandelten Altersbereich und die Normierung für diesen. Internationale psychodiagnostische Ansätze zeigen Möglichkei- ten zur Erweiterung der Diagnostik um relevante Konstrukte auf. Schlussfolgerung: Derzeit ist nur das DIA-X als Instrument zur Erfassung der Nikotinabhängigkeit im Kinder- und Jungendbereich zu empfehlen. Die Entwicklung neuer bzw. die Anpassung bestehender Testverfahren für Ni- kotinabhängigkeit und -missbrauch im Kindes- und Jugendalter ist dringend zu fordern. Ein Einsatz der Instrumente auf Basis des Transtheoretischen Modells kann erst nach einer Evaluation an Kindern und Jugendlichen emp- fohlen werden. Abstract Objectives: Epidemiological surveys pointed out the importance of nicotine- associated disorders in children and adolescents. The aim of this study is to analyze the assessment procedures that can be used to arrange the psychological-diagnostic process in children and adolescents with nicotine- associated disorders in an effective way and to point out needs for new de- velopments in Germany. Methods: We analyzed relevant articles, books and manuals of pub- lished German assessment tools. The databases PsyContent, SpringerLink, PubMed as well as the engine Google-Scholar were screened using the terms „nicotine dependence“, „tobacco dependence“, „smoker“, „psychological assessment“, „children“ und „adolescents“. The published German assess- ment tools were evaluated regarding their psychometric properties and com- pleteness. Results: There are deficiencies in the field of nicotine-specific assessment tools in Germany. The existing measures were not adapted and standardized for children and adolescents. International psychological assessments show new possibilities for improvements. Conclusion: At the moment only the DIA-X could be recommended to mea- sure nicotine dependence in childhood and adolescence. The adaption of existing or the development of new assessments for nicotine-associated dis- orders with children and adolescents is desired immediately. The use of in- struments based on the transtheoretical model cannot be advised until eval- uation with children and adolescents. Schlagworte Psychologische Diagnostik, Nikotinabhängigkeit, Kinder, Jugendliche Key-Words Psychological Assessment, Nicotine Dependence, Children, Adolescents 1 Einleitung Die neueste Repräsentativerhebung der Drogenaffinitätsstu- die der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung er- gab, dass im Jahre 2008 16.2 % der weiblichen und 14.7 % der männlichen Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren rauchten. Das Ziel des Drogen- und Suchtrates, die Quote von jugendlichen Raucherinnen und Rauchern bis 2008 auf unter 17 % zu senken, wurde damit erreicht. Betrachtet man den Zeitraum von 1997 bis 2001, als noch 25 – 30 % der Ju- gendlichen rauchten, ist dies als deutlicher Erfolg zu werten (BZgA, 2008). Unterstrichen wird die Relevanz der Raucher- quote des Kindes- und Jugendalters durch Befunde, die früh- zeitigen Rauchbeginn als besonderen Risikofaktor für spä- teres stabiles Rauchverhalten identifizieren konnten. So be- legten Laucht und Schmid (2007) in der Mannheimer Risi- Korrespondenzadresse: Gabriele Helga Franke, Hochschule Magdeburg- Stendal (FH), Studiengänge Rehabilitationspsychologie B. Sc. und M. Sc., Osterburger Straße 25, 39576 Stendal. E-mail: gabriele.franke@hs- magdeburg.de. kokinderstudie an N = 384 15-jährigen Jugendlichen einen Zusammenhang zwischen dem Alter des ersten Zigaretten- konsums und der aktuellen Rauchfrequenz sowie Nikotinab- hängigkeit im Längsschnitt. Je früher die erste Zigarette pro- biert wurde, desto mehr und häufiger wurde im letzten Mo- nat vor der Datenerhebung geraucht und desto stärker war die Nikotinabhängigkeit (ebenda). Basierend auf den Daten des telefonischen Gesundheitssurveys 2003 (N = 8316; 18- jährige und ältere Wohnbevölkerung Deutschlands) stellten Lampert und Burger (2005) fest, dass nahezu ein Drittel der Erwachsenen im Jahre 2003 rauchten und dass fast drei Vier- tel der gegenwärtigen Raucher bereits vor dem 18. Lebens- jahr mit dem Rauchen begonnen hatten. Andere Autoren, die ebenfalls an der Mannheimer Risikokinderstudie betei- ligt waren, heben die Gefahren des Doppelkonsums von Al- kohol und Tabak unter Jugendlichen hervor. Diese Jugend- lichen rauchen und trinken stärker als Einfachkonsumenten von Alkohol oder Tabak. Des Weiteren wurde hier die „Tür- öffnerfunktion“ des Tabakkonsums für den Gebrauch anderer Zeitschrift für Medizinische Psychologie 1/2011 DOI: 10.3233/ZMP-2010-2010 3