Chirurg 2009 · 80:130–137
DOI 10.1007/s00104-008-1639-y
Online publiziert: 1. November 2008
© Springer Medizin Verlag 2008
U. Genewein
1
· M. Jakob
2, 3
· R. Bingisser
3
· S. Burla
1
· M. Heberer
1, 4
1
Forschungsgruppe Spitalmanagement, Institut für Chirurgische Forschung
und Spitalmanagement, Universitätsspital, Basel
2
Behandlungszentrum Bewegungsapparat, Universitätsspital, Basel
3
Notfallstation, Universitätsspital, Basel
4
Institut für Chirurgische Forschung und Spitalmanagement, Universitätsspital, Basel
Organisation
der Notfallstation
Umfeld und Leistungsauftrag bestimmen
das Organisationskonzept
Originalien
Notfallstationen und die klinische Notfall-
medizin sind in der Kritik. Überlastung [1,
2], verzögerte Übernahmen von Notfall-
patienten in die stationäre und poststati-
onäre Betreuung [2, 3], Qualitäts- [4] und
Servicemängel [5] sowie überlastetes Per-
sonal [6] sind Symptome einer Krise der
klinischen Notfallmedizin. Deren Ursa-
chen sind bekannt:
I. Die Nachfrage nach notfallmedizi-
nischen Spitalleistungen nimmt in
den industrialisierten Ländern zu.
Diese Entwicklung hat unterschied-
liche Ursachen: In der Schweiz spielt
die Leistungsverschiebung vom Haus-
arzt zur Notfallstation des Spitals eine
wesentliche Rolle [7], in den USA ins-
besondere die Versicherungssituation
der Bevölkerung [8].
II. Die Spezialisierung steigert die Leis-
tungsfähigkeit der Notfallmedizin,
erlaubt aber kaum noch einem Spi-
tal sämtliche Spezialisten 24 h be-
reitzuhalten: Es resultiert eine Diskre-
panz zwischen der patientenseitigen
Erwartung der sofortigen Behand-
lung durch den Spezialisten und dem
Angebot des Spitals.
III.Die Variabilität der Nachfrage nach
Notfallleistungen ist bereits unter
Normalbedingungen erheblich [9].
Für besondere Situationen (Grippe,
Glatteis) und Katastrophen (Massen-
unfälle, Terrorismus) müssen Notfall-
stationen darüber hinaus Kapazitäten
vorhalten und Pläne bereitstellen [10].
IV. Wirtschaftlicher Druck und Arbeits-
zeitverkürzungen sind weitere Bedin-
gungen, mit denen die Notfallmedi-
zin heute zurecht kommen muss [1].
Diese Trends stellen eine Herausforde-
rung für die Notfallmedizin und die Not-
fallstationen dar, denen die Selbststeue-
rung durch die Normen des ärztlichen
und pflegerischen Handelns nicht ge-
wachsen sein kann [11, 12, 13]. Organisa-
torische Regelungen sind erforderlich.
Methoden
Literaturanalyse
Die Datenbank PubMed wurde für den
Zeitraum von Januar 2000 bis Februar
2007 nach Literaturstellen durchsucht, in
denen der Suchbegriff „Emergency Me-
dical Services“ („Major Topic“ [MAJR])
durch folgende Unterschlagwörter (Sub-
headings) qualifiziert wurde: classifica-
tion, manpower, organization & adminis-
tration, standards, statistics & numerical
data, supply & distribution, trends oder
utilization.
Dieses Suchergebnis wurde im Abs-
tract-Anzeigemodus und im Volltext ge-
sichtet: Dabei wurden Publikationen se-
lektiert, in denen Fragen zu Organisation,
Betriebsablauf, Patientenfluss, Bedarf, In-
anspruchnahme, Kapazität, Kernkompe-
tenz, Effizienzsteigerung oder Informa-
tionstechnologie auf Notfallstationen be-
handelt wurden. Ausgeschlossen wurden
Arbeiten zu diagnostischen und therapeu-
tischen Maßnahmen medizinischer Spe-
zialgebiete.
Die resultierenden Arbeiten wurden
auf die Fragen des Leistungsauftrags, der
Indikatoren der Auftragserfüllung sowie
der organisatorischen Konzepte von Not-
fallstationen untersucht. Die Antworten
wurden in Listen, deren Kategorien mit
der Auswertung der Literatur fortlaufend
erweitert wurden, eingetragen (qualita-
tive Analyse) [14]. Auf eine Quantifizie-
rung der Antworten (Häufigkeit der Nen-
nungen) wurde verzichtet.
Typisierung und Bewertung
der Organisationskonzepte
Die Organisationsformen der Notfallme-
dizin wurden nach der Präsenz medizi-
nischer Fachspezialisten im Notfallbe-
trieb (Kriterium Spezialisierung) und der
Integration der Notfallstation in das Füh-
rungssystem des Spitals (Kriterium Inte-
gration) segmentiert. Die resultierenden
organisatorischen Grundmuster (Arche-
typen) wurden unter Rückgriff auf die Ef-
fizienzkriterien der entscheidungsorien-
tierten Organisationstheorie qualitativ be-
130
|
Der Chirurg 2 · 2009