ET-Studies 6/1 (2015), 93-115. doi: 11.2143/ETS.6.1.3075927
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PAOLO GAMBERINI SJ
Dogmatics under Construction
The Challenges from the Jesus Quest for Dogmatic Theology
Abstract (Deutsch) 3 Seit einigen Jahren gibt es ein neues Interesse am historischen
Jesus. Es zielt darauf ab, entweder den christlichen Glauben auf dem Boden histo-
rischer Daten zu verteidigen oder ihn auf der Basis historischer Kritik zu dekonstru-
ieren. Der Großteil der jüngsten diesbezüglichen Veröffentlichungen betont die
Kontinuität und Homogenität zwischen Jesus und dem Judentum. Andere Autoren
dagegen lehnen die bekannte Unterscheidung zwischen dem Jesus der Geschichte
und dem Christus des Glaubens ab und versuchen, die Göttlichkeit Jesu auf histo-
rische Daten zu stützen. Was der Glaube im Bekenntnis „Jesus ist der Christus“
behauptet, darf nicht als bloße Information über eine Tatsache betrachtet werden,
sondern muss verstanden werden als eine Transformation, die sowohl das Subjekt
(den Bekennenden) als auch das Objekt (den Bekannten) betrifft und beide miteinan-
der verbindet. Was der Glaube auszusagen beansprucht, kann nicht auf rein histo-
rische Aussagen reduziert werden. Die Beziehung zu Gott und die Auferstehung Jesu
bestimmen die Wirklichkeit jeder theologischen Aussage, aber sie entzieht sich der
menschlichen Wahrnehmung. Obwohl die dogmatische Behauptung eines Eingrei-
fens Gottes in die Geschichte nicht durch historische Erkenntnis begründet werden
kann, zielt sie auf historische Erkenntnis, die eine notwendige Voraussetzung für die
Dogmatik ist, insofern der theologische Gegenstand des christlichen Glaubens ein
historisches Geschehen ist. Verbum caro factum est. Die Dogmatik lebt von der
Spannung zwischen historischen und dogmatischen Urteilen. Sie gehören zu ver-
schiedenen Wissensordnungen und dürfen nicht aufeinander reduziert und mitei-
nander verwechselt werden. Der historische Jesus hat eine wichtige und kritische
Funktion für die dogmatische Christologie. Er ist ein kraftvoller Schutz vor jeder
Art des Phantasierens über Jesus, wie es in manchen spekulativen oder doketischen
Christologien der Vergangenheit und der Gegenwart noch immer vorkommt.
Abstract (Français) – Depuis quelques années, il y a un nouvel intérêt pour le Jésus
historique, dans le but, soit de défendre la foi chrétienne sur la base de dates his-
toriques, soit de la déconstruire sur la base de la critique historique. La plupart des
publications récentes consacrées à la question du Jésus historique soulignent la
continuité entre Jésus et le judaïsme. D’autres auteurs, par contre, rejettent la dis-
tinction connue entre le Jésus de l’histoire et le Christ de la foi et essayent de