Palaver / Religiöse Dimension 225 WOLFGANG PALAVER Die religiöse Dimension des Nationalismus Worin besteht die religiöse Dimension der nationalistischen Versuchung? Sind es nur Flaggen, Rituale und Bündnisse mit den politischen Machthabern, die in diesem Zusammenhang zur Diskussion stehen? Unser Autor, Assistent und Lehrbeauf- tragter am Institut für Moraltheologie und Gesellschaftslehre an der Universität in Innsbruck, geht von der Überzeugung aus, daß die tiefsten Wurzeln des Nationalismus und der Religion zusammengehören. Dieser These waren viele Theoretiker und Dichter der abendländischen Geistesgeschichte ver- pflichtet, so u.a. auch Dostojewskij. In den "Dämonen" beschreibt er Gott als die syn- thetische Persönlichkeit des ganzen Volkes. Die Folgen davon sind: die Ablehnung eines allgemeinen Gottesbegriffes, jenes der einen Menschheit und die Erhebung der völki- schen Stärke zum einzigen Kriterium der Wahrheit. Nietzsche fügte noch die Ver- pönung der Güte und der Feindesliebe hinzu. Worin ist aber der Beitrag der jüdisch-christlichen Tradition zu sehen: in der Absegnung oder in der Infragestellung dieser Zusammenhänge? Und: Wie steht es mit der nationalistischen Religion in der Gegenwart? (Redaktion) "Marx ist zwar besiegt, aber von Joseph de Maistre."1 Was Alain Finkielkraut 1987 im Hinblick auf die Dritte Welt gesagt hatte, ist nach dem Ende des Kalten Krieges auch in Europa Wirk- lichkeit geworden. Der Kommunismus hat eine Niederlage erlitten, nicht aber das totalitäre Denken. An die Stelle des Kommunismus trat ein neuer Natio- nalismus. Der katholische Jurist und Gegemevolutionär [oseph de Maistre (1753-1821) steht bei Finkielkraut symbolisch für jenen Nationalismus, der gegen die Behauptung derSRQPONML einen Menschheit betonte, daß diese im Plural dekliniert werden müsse. De Maistre steht aber auch für die religiöse Dimension des Nationalismus. Mit sei- nen Mitstreitern trat er für die "Wieder- einsetzung Gottes" in die früheren Vorrechte des ancien regime ein. De Maistres Denken scheint gegenwär- tig - gerade was die religiöse Dimen- sion des Nationalismus betrifft -, im Vormarsch zu sein. Der neue Nationa- lismus trägt nicht nur im weiteren Sin- ne des Wortes religiöse Züge (Flaggen, Rituale etc. als heilige Ikonen), sondern führt teilweise auch direkt zu neuen Bündnissen mit der Religion. Tragisch- stes Beispiel für diese Entwicklung ist der grausame Krieg im ehemaligen Jugoslawien. Sicher wäre es zu einfach, diesen Krieg einfach zum Religions- krieg zu erklären. Dennoch spielt die religiöse Dimension eine wichtige Rolle in diesem Konflikt. Nicht ethnische Unterschiede kennzeichnen die in die- sen Konflikt involvierten Gruppen, sondern religiöse, und einzelne reli- giöse Führer haben sich nicht gerade durch Besonnenheit und Zurückhal- tung ausgezeichnet, sondern den Kon- flikt noch zusätzlich angeheizt. Eine heute zunehmende Affinität von Reli- gion und Nationalismus zeigt sich auch in den Konflikten in der ehemaligen Sowjetunion, wo sich beispielsweise christliche Armenier und muslirnische Aserbeidschaner in einem blutigen A. Tinkielkraut. Die Niederlage des Denkens. Aus dem Französischen von N. Volland. Reinbek bei Hamhur2:..l989. 80.