1 Draft Juni 2011, im Erscheinen in der Zeitschrift für Philosophische Forschung Andrea Borsato Gegen den ‚schwachen Repräsentationalismusʼ Abstract: Wir werden zuerst zu zeigen versuchen, dass zwei intentionale Erlebnisse mit völlig gleichem repräsentationalem Gehalt verschiedenen phänomenalen Charakter aufweisen können: Wir geben daher den sogenannten ‚weak representationalismʼ (im Sinne Tyes) auf, und dies aufgrund eines Gegenbeispiels, das wir aus dem Bereich der anschaulichen Erfüllung einer protentionalen Erwartung entnehmen. Wir werden dann einen zweiten Grund zur Ablehnung des schwachen Repräsentationalismus nennen: Eine skeptische Haltung gegenüber der Möglichkeit kognitiver Phänomenologie lässt sich im Rahmen des weak representationalism schwer aufrechterhalten. Man kann u.E. die Phänomenalität kognitiver Akte wohl in Abrede stellen, jedoch zu einem Preis, den der schwache Repräsentationalist nicht bezahlen kann. Dies zeigen wir ausgehend von einem anderen Gegenbeispiel (aus der Sphäre nicht-sprachlicher Intelligenz), das die Skepsis über Phänomenalität kognitiver Leistungen bedroht. Solches Gegenbeispiel kann lediglich dadurch verharmlost werden, dass man den weak representationalism aufgibt. We will first try to show that two intentional mental states with the same representational content can still have different phenomenal character: we therefore reject the so called ‚weak representationalismʼ (as Tye conceives it), and we do so by means of a counterexample taken from the sphere of what Husserl calls ‚intuitive fulfillment of a protentional expectationʼ. We then suggest that another reason to abandon weak representationalism could be the following: a sceptic attitude towards cognitive phenomenology is weakened by weak representationalism. To show this, we construe a second counterexample (taken from the domain of non-linguistic intelligence) which challenges the idea that only sensory mental states can have phenomenal character; we think that the only way to neutralize such counterexample is to give up weak representationalism. Representationalism und representational content. Der schwache Repräsentationalismus (‚weak representationalismʼ) ist eine Ansicht über den phänomenalen Charakter unserer Erlebnisse, d.h. über die Weise, wie unsere bewussten mentalen Zustände sich anfühlen. Mit dem Ausdruck ‚weak representationalismʼ bezieht sich W. Lycan insbesondere auf die These, dass jeder bewusste mentale Zustand, der einen phänomenalen Charakter aufweist, auch noch einen repräsentationalen Gehalt (‚representational contentʼ) aufweisen muss 1 . Im Folgenden werden wir aber diesen Begriff in einem stärkeren, aus M. Tye stammenden Sinne verwenden, und uns damit auf folgende Ansicht beziehen: Wenn zwei intentionale Erlebnisse gleichen representational content aufweisen, dann müssen sie auch gleichen phänomenalen Charakter aufweisen 2 , und dies heisst, dass jeder Variation im phänomenalen Charakter eines Erlebnisses eine Variation im representational content entsprechen muss (d.h.: wenn zwei Erlebnisse verschiedenen phänomenalen Charakter haben, dann müssen sie auch verschiedenen repräsentationalen Gehalt haben). ‚Weak representationalismʼ im Sinne Tyes setzt natürlich den ‚weak representationalismʼ im Sinne Lycans voraus: Wenn, für jedes Erlebnis E, jede Variation im phänomenalen Charakter von E eine Variation im representational content von E entspricht, dann setzt dies voraus, dass E überhaupt einen representational content aufweisen muss. 1 Vgl. Lycan 2006: „Weak representationalism says only that qualitative states have representational content...“ Weak representationalism im Sinne Lycans ist sehr ähnlich dem, was T. Crane unter ‚intentionalismʼ versteht. Vgl. Crane 2007, S. 2: „I will use the term intentionalism for the general thesis that the nature of a conscious mental state is determined by ist intentionality. (Intentionalism is sometimes called representationalism; the difference is purely terminological. I prefer ‚intentionalismʼ).“ 2 Vgl. Tye 2002, S. 1: „...experiences that are alike in their representational contents are alike in their phenomenal character.“ Vgl. auch Tye 2009, S. 4: „Weak Representationalism: phenomenal character supervenes on representational content that meets certain further conditions (so that necessarily any two states that are alike with respect to the relevant representational content are alike phenomenally).“