Psychotherapeut 2011 · 56:216–223
DOI 10.1007/s00278-011-0822-7
Online publiziert: 20. April 2011
© Springer-Verlag 2011
Susanne Kuhnt
1
· Carina Ehrensperger
1
· Susanne Singer
1
· Dirk Hofmeister
1
·
Kirsten Papsdorf
2
· Joachim Weis
3
· Rüdiger Zwerenz
4
· Elmar Brähler
1
1
Abteilung für Medizinische Psychologie und
Medizinische Soziologie, Universität Leipzig
2
Klinik und Poliklinik für Strahlentherapie, Universitätsklinikum Leipzig
3
Psychosoziale Abteilung, Klinik für Tumorbiologie, Universität Freiburg
4
Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie,
Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität, Mainz
Prädiktoren
tumorassoziierter Fatigue
Längsschnittanalyse
Schwerpunkt: Erschöpfung – Originalie
Müdigkeit und Erschöpfung treten als
ein alltägliches Phänomen, aber auch
als Symptome bei verschiedenen kör-
perlichen Erkrankungen oder psy-
chischen Störungen auf. So wird Mü-
digkeit häufig im Zusammenhang mit
chronischen körperlichen Leiden wie
Herz- oder Nierendysfunktionen, Fi-
bromyalgie, multipler Sklerose, aber
beispielsweise ebenso bei Depressi-
onen berichtet. Tritt Erschöpfung in
Kombination mit einer Krebserkran-
kung und deren Behandlung auf, er-
hält sie als tumorassoziierte Fatigue
einen eigenständigen Charakter. Ins-
besondere die lang anhaltende oder
erst nach Abschluss der Behandlung
einsetzende tumorassoziierte Fatigue
stellt eine immense Belastung für Be-
troffene dar – ebenso eine große Her-
ausforderung für Behandler und For-
scher.
Hintergrund
Tumorassoziierte Fatigue wird als ei-
ne spezifische, körperlich und mental
empfundene Form von Müdigkeit, Er-
schöpfung und Kraftlosigkeit verstan-
den, die sich in verschiedenen Dimensi-
onen manifestiert. Eine Definition von
Glaus (1998) besagt unter Berücksich-
tigung der Multidimensionalität: „Fati-
gue ist ein subjektives Gefühl unüblicher
Müdigkeit, das sich auf den Körper (phy-
sisch), die Gefühle (affektiv) und die men-
talen Funktionen (mental) auswirkt, das
mehrere Wochen andauert und sich durch
Ruhe und Schlaf nur unvollständig oder
gar nicht beheben lässt“. Im Gegensatz
zur Erschöpfung nach körperlicher oder
geistiger Anstrengung, die auch als ange-
nehm empfunden werden kann, erscheint
den Betroffenen Fatigue in keiner Relati-
on zu vorheriger Anstrengung zu stehen.
Oft folgt einer geringen psychischen oder
physischen Belastung eine extreme und
quälende Müdigkeit, die verzögert einset-
zen und lange andauern kann. Ausruhen
oder Schlaf führen nicht zu einer Verbes-
serung der Symptomatik. Auch nach aus-
reichender Erholungszeit verschwinden
die Symptome nicht und lösen ein be-
trächtliches Leidensgefühl aus.
Tumorassoziierte Fatigue wird sehr
häufig von Krebspatienten berichtet
und gilt als eines der häufigsten Folge-
probleme einer Tumorerkrankung und/
oder Behandlung. Sie tritt mit einer Häu-
figkeit von 30–90% während der onkolo-
gischen Akutbehandlung auf (Prue et al.
2006; Wagner u. Cella 2004). Aber auch
Jahre nach abgeschlossener Therapie be-
richtet ca. ein Drittel der Patienten unter
anhaltender oder erst nach Abschluss der
Behandlung aufgetretener Fatigue (Loge
et al. 1999).
Die Wirkungszusammenhänge bei
der Entstehung tumorassoziierter Fatigue
sind noch immer weitgehend ungeklärt,
wobei von einem multifaktoriellen Bedin-
gungsgefüge mit einer Vielzahl von soma-
tischen sowie psychosozialen Einflussfak-
toren ausgegangen werden muss (Na-
tional Comprehensive Cancer Network
2010). Dazu zählen zum einen Faktoren,
die in direktem Zusammenhang mit dem
Tumor stehen wie beispielsweise zirkula-
torische und metabolische Störungen (re-
duzierter Sauerstofftransport, Hyperkal-
zämie, Hyponatriämie, -glykämie) oder
endokrine und hormonale Störungen.
Zum anderen gibt es sekundäre Ursachen,
die als Folge der Tumorerkrankung auf-
treten, z. B. Abwehrreaktionen des Kör-
pers gegen den Tumor, die Tumorbehand-
lung selbst und deren Nebenwirkungen,
Immobilität, Schlafstörungen, Schmer-
zen und Atemnot, aber auch die mit der
Erkrankung einhergehenden emotiona-
len Belastungen bis hin zu Depressionen,
Ängsten und sozialer Isolation. In der Li-
teratur wurden vielfach Bedingungsfak-
toren untersucht, die mit Fatigue ein-
hergehen. Belegt wurde der Zusammen-
hang mit körperlichen Symptomen wie
Schmerzen (Bower et al. 2000; Haghighat
et al. 2003; Reuter et al. 2006), Kurzatmig-
keit, Übelkeit und anderen medizinischen
Problemen (Echteld et al. 2007; Holzner
et al. 2002; Kim et al. 2008) sowie psychi-
Redaktion
A. Martin, Erlangen
J. Gaab, Zürich
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