Originalarbeit
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Zusammenfassung ein großteil der medizinisch und ethisch schwierigen therapieent-
scheidungen betrifft kritisch kranke, einwilligungsunfähige Patienten und wird auf basis
des mutmaßlichen Patientenwillens getroffen. Das gesetz kann hierzu nur allgemeine Vor-
gaben geben. es ist für die behandelnden Ärzte essentiell, sich ein konkretes Vorgehen zu
erarbeiten. Wie in der Praxis vorgegangen wird, ist bisher kaum untersucht. Ziel dieser
Studie ist es, die Vielfalt der Herangehensweisen und erfahrungen von Klinikern zum mut-
maßlichen Patientenwillen zu erforschen. Wir führten semistrukturierte interviews mit 18
Ärzten und elf Plegekräften von intensiv- und palliativmedizinischen Abteilungen eines
Universitätsklinikums durch. Die Abschriften der Tonaufnahmen wurden mithilfe der Qua-
litativen Datenanalyse ausgewertet. Auf einer numerischen Ratingskala wurde erhoben,
wie hilfreich die Kliniker das Konzept des mutmaßlichen Willens fanden. Die meisten Stu-
dienteilnehmer hielten das Konzept des mutmaßlichen Willens für sehr hilfreich. Zu ihrem
Vorgehen berichteten sie, dass sie zumeist die nächsten Angehörigen befragen, zuweilen
auch Professionelle und falls möglich die Patienten selbst. Gefragt werde nach früheren
Äußerungen der Patienten, nach ihrer lebenspraxis und -einstellung sowie ihrem aktuellen
Verhalten. benannt wurden auch zahlreiche Unsicherheiten und Schwierigkeiten psycho-
logischer, sozialer, praktischer und konzeptioneller natur. Der mutmaßliche Patientenwille
wird, so unser ergebnis, in der von uns untersuchten klinischen Praxis entsprechend den
gesetzlichen Vorgaben ermittelt. Da jedoch zahlreiche Probleme berichtet werden, stellen
wir konkrete empfehlungen zur ermittlung des mutmaßlichen Willens vor.
Eingegangen: 4. Mai 2013 / Angenommen: 3. September 2013
© Springer-Verlag berlin Heidelberg 2013
PD Dr. med. Dr. phil. R. J. Jox () · Prof. Dr. med. g. Marckmann
institut für ethik, geschichte und theorie der Medizin,
ludwig-Maximilians-Universität München,
lessingstraße 2, 80336 München, Deutschland
e-Mail: ralf.jox@med.uni-muenchen.de
Cand. med. A. Schaider
Abteilung Innere Medizin, Klinikum Traunstein,
traunstein, Deutschland
Prof. Dr. med. g. D. borasio, Dipl. Pall.
lehrstuhl für Palliativmedizin, Centre Hospitalier Universitaire Vaudois,
Universität lausanne, lausanne, Schweiz
Ermittlung des mutmaßlichen Patientenwillens:
eine Interviewstudie mit Klinikern
Andreas Schaider · Gian Domenico Borasio · Georg Marckmann · Ralf J. Jox
ethik Med
DOi 10.1007/s00481-013-0285-1