Umverteilungswirkungen einer wirtschaftlichen Öffnung und Abstimmungsverhalten: Eine Analyse am Beispiel des Schweizer EWR-Entscheides AYMO BRUNETTI, MARKUS JAGGI, ROLF WEDER* 1. EINLEITUNG Eine aussenwirtschaftliche Öffnung wirkt sich in der Regel positiv auf die Gesamtwohl- fahrt eines Landes aus. Dies wurde in ökonomischen Studien verschiedentlich aufgezeigt und auch für die Schweiz im Falle eines Beitritts zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) prognostiziert 1 . Trotz des zu erwartenden volkswirtschaftlichen Gewinnes schei- tert die Realisierung entsprechender Massnahmen aber oft im politischen Prozess - so geschehen am 6. Dezember 1992, als das schweizerische Stimmvolk den EWR-Vertrag abgelehnt hat. Dies bedeutet nun aber nicht, dass bei solchen Entscheiden ökonomische Überlegungen eine untergeordnete Rolle spielen, denn aus Sicht eines Individuums sind nicht die gesamtwirtschaftlichen Effekte einer Öffnung relevant, sondern die resultie- rende Umverteilung zu seinen Gunsten oder Ungunsten. Im Vergleich zu anderen wirtschaftspolitischen Massnahmen dürften solche Umverteilungswirkungen gerade bei aussenwirtschaftlichen Öffnungen erheblich sein (RODRIK 1992). In diesem Papier untersuchen wir den Zusammenhang zwischen Umverteilungswir- kungen und Abstimmungsverhalten am Beispiel des EWR-Entscheides der Schweiz. Aufgrund des Spezifischen Faktor-Modelles und entscheidungstheoretischen Argumen- ten werden zuerst zwei Hypothesen zu diesem Zusammenhang hergeleitet: (1) Beschäf- tigte in Branchen, die bei einer Öffnung unter den Verlierern erwartet werden, stimmen systematisch gegen die Öffnung; (2) Beschäftigte in den potentiellen Gewinner-Bran- chen sprechen sich in der Abstimmung nicht systematisch für die Öffnung aus. Diese Hypothesen basieren auf folgenden Überlegungen: Abstimmende berücksichtigen pri- mär die Auswirkungen der Öffnung auf ihr persönliches Arbeitseinkommen an der momentanen Arbeitsstelle. Beschäftigte in den Verliererbranchen sind unmittelbarer und stärker von den möglichen Verlusten bedroht (Stellenabbau, Reallohnkürzungen) als * Universität des Saarlandes, Universität Basel und University of British Columbia. Wir danken CARSTEN HEFEKER, MARKUS KOBLER, RUEDI KUBAT, Seminarteilnehmern an der Universität Basel sowie einem anonymen Gutachter für hilfreiche Kommentare. Dankend erwähnt sei auch die Finanzierung dieser Arbeit durch den Schweizerischen Nationalfonds im Rahmen des Nationalen Forschungsprogrammes 42 (Projekt-No. 4042-44285). 1. Verschiedene Arbeiten sind in der sogenannten «Hauser-Studie» zusammengefasst; siehe HAUSER und BRADKE(1991). Schweiz. Zeitschrift für Volkswirtschaft und Statistik 1998. Vol. 134 m . 63-91