Z Gerontol Geriat 2009 · 42:299–304 DOI 10.1007/s00391-009-0045-5 Eingegangen: 27. Mai 2009 Angenommen: 21. Juni 2009 Online publiziert: 18. August 2009 © Springer-Verlag 2009 N. Wild-Wall · P. Gajewski · M. Falkenstein Leibniz-Institut für Arbeitsforschung, Technische Universität Dortmund (IfADo), Dortmund Kognitive Leistungsfähigkeit älterer Arbeitnehmer Beiträge zum Themenschwerpunkt Im Alter verändern sich sensorische, ko- gnitive und motorische Prozesse, was eine Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit mit sich bringen könnte. In der Tat zeigt sich in subjektiven Aussagen zur eigenen Ar- beitsfähigkeit, gemessen mit dem Work Ability Index (WAI), ein Nachlassen der Arbeitsfähigkeit mit dem Alter, wobei die interindividuelle Variation in dieser Ein- schätzung mit dem Alter ansteigt [13]. An- dererseits ist ein allgemeines Defizit Äl- terer in realen Arbeitsabläufen selten zu beobachten (z. B. [4]). Wie lässt sich die- ser Widerspruch erklären? Welche kogni- tiven Funktionen sind im Alter wirklich verändert und welche nicht? Wie kann man ggf. die kognitive Leistungsfähigkeit älterer Beschäftigter verbessern? Im vor- liegenden Beitrag soll versucht werden, einige Antworten auf diese Fragen zu ge- ben. Dabei wird nicht nur auf subjektive und Verhaltensdaten, sondern auch auf neurophysiologische Ergebnisse zurück- gegriffen. Anhand derer lässt sich zeigen, bei welchen kognitiven Prozessen bei Äl- teren Defizite und Stärken vorliegen, auch wenn diese sich noch nicht merklich im offenen Verhalten äußern. Dies ermög- licht eine Beurteilung, welche arbeitsrele- vanten Prozesse wie stark unterschwellig verändert sind und wie die Leistung z. B. durch kompensatorische Strategien auf- rechterhalten werden kann. Kompetenzen und Schwächen Älterer Repräsentation und Kontrolle Nach dem sog. Defizitmodell des Alterns wird vielfach angenommen, dass die geis- tige (kognitive) Leistungsfähigkeit mit zunehmendem Alter nachlässt. Im realen Arbeitsleben ist dieses Nachlassen weni- ger zu beobachten. Um diesen Wider- spruch zu erklären, ist zunächst zwischen „kristalliner“ und „fluider“ Intelligenz zu unterscheiden. Kristalline Intelligenz be- trifft die Repräsentation von Information, also Faktenwissen und Erfahrung. Fluide Intelligenz meint das schnelle und flexi- ble Umgehen mit Sinneseindrücken und Gedächtnisinhalten, also die „Kontrolle“ von Information im weitesten Sinn. Die- se beiden Intelligenzdomänen verändern sich höchst unterschiedlich mit dem Alter (. Abb. 1). Repräsentationenfunktionen wandeln sich mit dem Alter eher in posi- tiver Richtung [25]. Seit jeher schätzt man daher das zunehmende Wissen und die Erfahrung älterer Mitarbeiter. Beispiels- weise sind Ältere im sprachlichen Be- reich Jüngeren oft überlegen. In experi- mentellen Studien wurde gezeigt, dass die Worterkennung bei Älteren weniger Aufmerksamkeit erfordert als bei Jünge- ren [18]. Die Effizienz des Zugangs zu ge- speichertem Sprachwissen steigt also mit dem Alter. Gute „repräsentationale“ Leis- tungen älterer Menschen hängen wesent- lich vom Lernen und vom jahrelangen Umgang mit Wissensinhalten, also vom Training, ab. Leistung Lebensalter Kristalline Intelligenz: Repräsentation von Wissen Fluide Intelligenz: Kontrolle Abb. 1 8 Schematische Darstellung der Entwicklung der kristallinen und fluiden Intelligenz über die Lebensspanne 299 Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie 4 · 2009 |