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DAS ARGUMENT 289/2010 ©
Richard Pithouse
Das Aufbegehren der Slums: Eine Wortmeldung aus Südafrika
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Als einen »Wundbrand, der sich in das Innere der kolonialen Herrschaft frisst«,
beschrieb Frantz Fanon die Menschen in den Armensiedlungen Afrikas, die
»die verschiedenen Städte in der Hoffnung, eines Tages hineinzugelangen«,
unermüdlich umkreisen (1960/1981, 110). Für ihn bildete »diese Horde von
Ausgehungerten, die aus der Stammes- und Klangemeinschaft herausgerissen
sind, [...] eine der spontansten und radikalsten unter den revolutionären Kräften
eines kolonisierten Volkes« (ebd.). Die Kolonialherren schienen derselben
Ansicht gewesen zu sein, weswegen sie diese Siedlungen meist im Namen der
öffentlichen Gesundheit und Sicherheit niederreißen ließen.
Noch heute bestimmt sich die Position einer Stadt in der globalen Rangordnung
wesentlich über die Effizienz, mit der es den Herrschenden gelingt, die Arbeiter/
innen räumlich zu separieren, die Ausbreitung von Ghettos einzudämmen, die von
Graswurzelbewegungen erkämpften Freiräume und Siedlungen zu zerstören und
das unkontrollierte Eindringen von illegalisierten Einwander/innen zu unterbinden.
Von Lagos über Delphi bis nach Johannesburg, überall stehen Enteignungen und
Räumungen von Slumsiedlungen auf der Tagesordnung. Und überall, von Port-
au-Prince über La Paz bis nach Durban, wehren sich die Menschen gegen diesen
Angriff. Die Hoffnung oder die Angst, dass die Städte nicht nur als Zentralen
ordnungsgemäßer Machtausübung fungieren, sondern auch als Nährboden für sozi-
alen Unmut und Widerstand, ist alles andere als neu. Dem Vagabunden sowie dem
Haus- und Landbesetzer kommt hierbei seit Langem eine besondere Bedeutung zu.
In den letzten Jahren jedoch sind die Slums zu einem planetarischen (wenn auch
noch nicht universellen) Phänomen geworden, mit dem sich sowohl Philosophen
und NGOs als auch Militärplaner und Politiker befassen. Dabei geht der Ruf nach
einer von oben durchgesetzten Ordnung von allen politischen Lagern aus. Ein Groß-
teil der gegenwärtigen Aufmerksamkeit, die Slums als »entscheidende geopolitische
Orte« (Davis 2007) erfahren, geht auf die Reaktivierung uralter Vorurteile gegenüber
den städtischen Armen zurück. Dabei werden – wie bereits 1972 Alejandro Portes
warnte – »soziologische oftmals mit psychologischen Realitäten verwechselt« (zit.n.
Wacquant 2008, 89). Und noch heute trifft zu, was Janice Perlman vor mehr als 30
Jahren in ihrer Studie über Armut in Rio de Janeiro festgestellt hat: Auch die Linke
kann sich dem Mythos der Marginalität nicht entziehen (1976, 250).
1 Dieser Text ist die Synthese und Aktualisierung zweier auf Englisch veröffentlichter Bei-
träge: »Thinking Resistance in the Shanty Town« (Mute Magazine, 25.8.2006) und »The
May Pogroms: Xenophobia, Evictions, Liberalism, and Democratic Grassroots Militancy in
South Africa« (Sanhati, 16.6.2008).