Modellkalkulationen zu züchterischen Möglichkeiten auf Klauengesundheit beim Milchrind S. König 1 und H. H. Swalve 2 1 Einleitung In der Milchrinderzucht gewinnen funktionale Merkmale, die zur Kosteneinsparung auf der Inputseite der Produktion führen, an zunehmender Bedeutung (Swalve, 2003). Hier- zu gehören die Merkmale der Zuchtleistung, der Eutergesundheit, des Fundaments und der Melkbarkeit. Die genannten funktionalen Merkmale haben entscheidenden Einfluss auf die Nutzungsdauer oder Länge des produktiven Lebens einer Milchkuh. Die durch- schnittliche Nutzungsdauer der deutschen Holsteinpopulation liegt aktuell nach Anga- ben des ADR-Jahresberichtes bei nur 2,45 Laktationen. König und Simianer (2005) zeigten anhand von Modellkalkulationen, dass die optimale Nutzungsdauer unter Be- rücksichtigung der Akkumulation des genetischen Fortschritts in der Population bei et- wa vier Laktationen liegen sollte. Unter Annahme der gegenwärtigen Erlös- und Kosten- situation in der Milchviehhaltung ist die geringe Nutzungsdauer mit einen wirtschaftli- chen Verlust von 260 € je Kuh und Jahr verbunden. In einer aktuellen Arbeit zur Ablei- tung von wirtschaftlichen Gewichten beim Milchrind berechnete Lind (2005), dass die relative ökonomische Bedeutung der Nutzungsdauer am Gesamtzuchtwert 47 % betra- gen müsste, während in älteren Arbeiten (u. a. Miesenberger, 1997) dieser Relativan- teil mit 29,8 % deutlich geringer ausfällt. Zwar ist der genetische Trend im Merkmal Nutzungsdauer nur schwach negativ (Reinhardt, 2005, pers. Mitteilung), so dass ei- gentlich züchterische Maßnahmen unnötig wären, trotzdem verbleiben offensichtlich bei der Mehrheit der Betriebe auf der phänotypischen Ebene erhebliche Probleme. Die Umweltgestaltung hat mit den erhöhten Anforderungen nicht Schritt gehalten. Die Er- höhung der Nutzungsdauer mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln – auch mit züch- terischen – ist somit ein wirtschaftlich gebotenes Zuchtziel. Während Fruchtbarkeits- merkmale direkt und die Eutergesundheit über das eng korrelierte Hilfsmerkmal des so- matischen Zellgehalts seit geraumer Zeit in der Zuchtwertschätzung berücksichtigt wer- den, stehen für Merkmale der Klauengesundheit bislang noch keine geeigneten Selekti- onsmechanismen zur Verfügung. Lediglich die subjektiv erfassten Fundamentmerkma- le im Rahmen der linearen Exterieurbeurteilung werden routinemäßig in der Zucht- wertschätzung berücksichtigt und können zur Verbesserung der Klauengesundheit und des Fundaments insgesamt beitragen. Die Bedeutung der Klauengesundheit für die Nutzungsdauer ist unstrittig. Der Anteil der unfreiwilligen Abgänge aufgrund von Erkrankungen der Klauen- und Gliedmaßen liegt derzeit bei 10 % mit steigender Tendenz. Ausreichend additiv-genetische Varianz zur direkten züchterischen Bearbeitung einzelner Klauenerkrankungen ist genügend vorhanden, wie König et al. (2005) und Swalve et al. (2005) anhand der Ergebnisse der Varianzkomponentenschätzung für verschiedene Klauenerkrankungen, wie sie rou- tinemäßig beim Klauenschnitt erfasst wurden, zeigen konnten. Neben Fragen der opti- malen Umwelt und Haltung zur Reduzierung der Klauenerkrankungen sollte somit auch der züchterische Ansatz optimiert werden. Züchtungskunde, 78, (5) S. 345 – 356, 2006, ISSN 0044-5401 © Eugen Ulmer KG, Stuttgart 1 Institut für Tierzucht und Haustiergenetik, Universität Göttingen, Albrecht-Thaer-Weg 3, D- 37075 Göttingen, E-Mail: skoenig2@gwdg.de 2 Institut für Tierzucht und Tierhaltung mit Tierklinik, Universität Halle-Wittenberg, Adam-Kuck- hoff-Str. 35, D-06108 Halle (Saale), E-Mail: hermann.swalve@landw.uni-halle.de