Nervenarzt 2010 · 81:7–15
DOI 10.1007/s00115-009-2829-7
Online publiziert: 20. Dezember 2009
© Springer-Verlag 2009
K. Mathiak
1, 2, 3
· M. Junghöfer
4
· C. Pantev
4
· B. Rockstroh
5
1
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie,
Universitätsklinikum Aachen, RWTH Aachen
2
Institut für Neurowissenschaften und Medizin (INM-1),
Forschungszentrum Jülich GmbH, Jülich
3
JARA, Translational Brain Medicine, Aachen
4
Institut für Biomagnetismus und Biosignalanalyse,
Universitätsklinikum, WWU Münster
5
Fachbereich Psychologie, Universität Konstanz
Magnetoenzephalo-
graphie in der Psychiatrie
Leitthema
Traditionell wurden Veränderungen
spontaner und ereigniskorrelierter
(reizgebundener) Gehirnaktivität mit
diagnostischer und pathogenetischer
Perspektive mittels der Elektroen-
zephalographie (EEG) untersucht. In
jüngerer Zeit kommt verstärkt die
Magnetoenzephalographie (MEG)
zum Einsatz, die eine genauere Auf-
klärung neuronaler (Dys)funktionen
zulässt. Eine Zusammenschau der
vorliegenden Ergebnisse und Aus-
richtungen soll dem psychiatrischen
Kollegium zugänglich gemacht wer-
den, da das MEG einer sukzessiven
Prüfung in klinischen Anwendungen
unterliegt.
Die Magnetoenzephalographie ist ein
nichtinvasives und berührungsfreies Ver-
fahren, um die von Hirnströmen hervorge-
rufenen magnetischen Felder an der Kopf-
oberfläche zu detektierten (. Abb. 1).
Biomagnetische Felder sind mit Ampli-
tuden im Femtoteslabereich (10
−15
T)
von so geringer Stärke, dass sie nur mit-
tels spezifischer und höchstempfind-
licher Sensoren, die auf Supraleitung ba-
sieren (SQUID, Superconducting QUan-
taum Interference Device) erfasst werden
können. Die Messtechnik erfordert der-
zeit noch einen beachtlichen apparativen
Aufwand. Daher käme ihr wissenschaft-
lich und klinisch keine große Bedeutung
zu, besäße sie nicht wesentliche Vorteile
gegenüber EEG-Ableitungen: Zum einen
wird die magnetische Feldkomponente im
Wesentlichen nur von den intrazellulären
Strömen generiert, während die elek-
trische Potenzialverteilung auf der Kopf-
oberfläche (EEG) von den Volumenströ-
men hervorgerufen wird und auch noch
weit entfernt von einer neuronalen Quel-
le messbar ist (wie etwa das EKG an den
Extremitäten).
E Im Gegensatz zur elektrischen
Potenzialverteilung ist eine
Differenzierung vielfach simultaner
Hirnaktivierungen mittels
MEG oft einfacher möglich.
Zum Zweiten durchdringen biomagne-
tische Felder das Körpergewebe nahezu
verzerrungsfrei, da diese für das Magnet-
feld transparent sind, während Volumen-
ströme aufgrund der sehr unterschied-
lichen Leitfähigkeiten verschiedener Ge-
webe erheblich verzerrt werden.
Biomagnetische Messungen können
somit den Ursprung der zugrunde liegen-
den neuronalen Aktivität, als inverses Pro-
blem bekannt, mit einer besseren räum-
lichen Auflösung bestimmen als dies mit
der Messung elektrischer Potenziale mög-
lich ist. Zum dritten kann das MEG refe-
renzfrei gemessen werden, während die
Potenzialverteilung im EEG als Differenz
gegen eine Referenzelektrode ermittelt
werden muss.
Der einzige prinzipielle Nachteil des
MEG ist, dass senkrecht zur Kopfoberflä-
che ausgerichtete neurale Ströme ein kaum
extern messbares Magnetfeld erzeugen.
Sie sind somit magnetisch stumm, gene-
rieren aber eine messbare Potenzialvertei-
lung auf der Kopfoberfläche. Magnetische
Felder und elektrische Potenziale enthal-
ten somit komplementäre Informationen
über ihre zugrunde liegenden neuronalen
Generatoren und werden im optimalen
Fall simultan erfasst. Gemeinsame Eigen-
schaft der MEG und EEG ist, dass sie die
schnellen elektromagnetischen Korrelate
der Hirnaktivierung direkt messen und,
im Gegensatz zu Messverfahren des Me-
tabolismus wie Positronenemissionsto-
mographie (PET), Single-Photon-Emis-
sions-Computertomographie (SPECT)
oder funktionaler Magnetresonanztomo-
graphie (fMRT), besser in der Lage sind,
dynamische Aspekte von Hirnaktivie-
rungen abzubilden (. Abb. 2).
Quellenanalyse
Die Berechnung der extrakraniellen Ma-
gnetfeldverteilung bei Kenntnis von Ort
und Stärke der magnetischen Quellen im
Gehirn ist über die sogenannte Vorwärts-
lösung eindeutig durchführbar. Das in-
verse Problem, d. h. der Rückschluss von
der Magnetfeldverteilung auf Ort und
Stärke der zugrunde liegenden Quellen
im Gehirn, hat dagegen ohne Zusatzan-
nahmen keine eindeutige Lösung. Schon
Hermann von Helmholtz hat vor mehr
als 150 Jahren gezeigt, dass eine Vielzahl
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