105 „Wie viele Fahrzeuge liegen in den Schottermassen begraben?“ Die Schifffahrt auf der unregulierten Donau Severin Hohensinner Die Donau ist ein sehr fischreicher Fluß, hat einen reißend schnellen Lauf, der aber nebst der sehr un- gleichen Tiefe, dem durch Felsen häufig eingeengten und durch Klippen und Untiefen gefährlich ge- machten Flußbett die Schiffahrt sehr erschwert. Der heftigen Strömung wegen wird sie bis Wien haupt- sächlich stromabwärts und mit Schiffen ohne Segel befahren, was in der Sprache der Donauschiffer die Naufahrt, dagegen die Schiffahrt stromaufwärts, welche unterhalb Wien häufiger ist, der Gegentrieb heißt. Die stromabwärts gehenden Schiffe sind meist wenig dauerhaft von weichem Holze gebaut und werden nach einmaligem Gebrauche in Wien an die dortigen Schiffer oder an das kais. Schiffsamt und als Brennholz verkauft. Sie führen je nach Herkunft und Bauart die Namen Kellheimer, auch Hohenau, welche bei 128 F. Länge 3 –4000 Ctr. laden können; Gamseln von 90 – 100 F., und Plätten von 30 – 40 F. Länge. Stromaufwärts können Schiffe nur kommen, wenn sie von Pferden an langen Tauen gezogen wer- den, und die dazu verwendeten dauerhaftern Fahrzeuge heißen Klobzitter, Nebenbai und Schwemmer. 1 Was 1837 normales Lexikonwissen war, ist heute weitgehend vergessen. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich von großen Pferden gezogene Schiffszüge mühsam den Strom hinaufbewegten. Nach wie vor aber brauchen Schiffe flussaufwärts länger als flussab, die Fahrt gegen den Strom macht sich auch in höherem Energiever- brauch bemerkbar. Das Lexikon nennt Klippen und Untiefen als Gefahren – und damit zwei wichtige Schifffahrtshindernisse. Donau- weit am bekanntesten war und ist wohl der Greiner Strudel und Wirbel. Bereits im 16. Jahrhundert ausführlich beschrieben, blieb er lange Gegenstand wissenschaftlicher Kontroversen. 2 Der Strudel sei, so eine gängige Lehr- meinung, eine Art Höllenschlund, in den sich das Donauwasser ergieße, um unterirdisch weiterzufließen. Mitte des 18. Jahrhunderts ließ man diese Theorie fallen. Johann S. V. Popowitsch fasste in seinen „Untersuchungen vom Meere“ das Wissen über den Greiner Strudel und Wirbel zusammen und schloss: Denn so viel ich davon urtheilen kann, so wäre der Würbel durch eine gänzliche Zersprengung des grossen Felsens, daran sich das Donauwasser stößt, wie auch durch Ausfüllung seiner gar zu vielen Tiefen, und gar zu geraumigen Bekens (welches letztere zwar der Strom nachgehends selbst tun wür- de) ohne Zweifel zu vernichten. Der Strudel aber könnte sicher gemacht werden, wenn man durch Heraussprengung einiger Klippen den Gang der gewöhnlichen Durchfahrt erweiterte. 3 Es sollte noch bis zum Jahr 1866 dauern, dass dieser Vorschlag in die Tat umgesetzt werden konnte … Die gefährlichen Engstellen der Donau – wie das Durchbruchstal des Strudengaus und das Eiserne Tor flussab von Beograd (Belgrad) – waren aber nicht die einzigen Hindernisse für die Schifffahrt. Wegen der ständigen Änderungen des Flusslaufes erwies sich die unregulierte, dynamische Donau längerfristig als unberechenbar. 1 Bilder-Conversations-Lexikon für das deutsche Volk, Bd. 1. Leipzig 1837, 584. 2 Johannes Aventinus, Annalium Boiorum libri septem. Ingolstadt 1554, 529. 3 Johann S. V. Popowitsch, Untersuchungen von den Würbeln in der Donau, Ein Auszug aus den Untersuchungen vom Meere ... Wien 1780, 30. Katalog Ardagger 22x28cm.indd 105 16.04.10 13:32