213 Zielkonflikte und Therapiemotivation Zielkonflikte und Therapiemotivation Johannes Michalak und Dietmar Schulte Ruhr-Universität Bochum Sonderdruck aus: Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, 31 (3), 213–219, © Hogrefe-Verlag Göttingen 2002 DOI: 10.026//1616-3443.31.3.213 Zusammenfassung. Theoretischer Hintergrund: Das Konstrukt des Konflikts hat im Rahmen der Psychologie-/Psychotherapiege- schichte eine herausragende Rolle für die Theoriebildung gespielt, wurde allerdings selten empirisch untersucht. Fragestellung: Die Untersuchung geht der Frage nach, welche Auswirkungen Konflikte zwischen Patientenzielen auf die Therapiemotivation und den Therapieerfolg haben. Methode: An einer Stichprobe von 24 ambulanten Angstpatienten wurden Zielkonflikte mit der Striving Instrumentality Matrix (Emmons & King, 1988) erfaßt, die Therapiemotivation mit dem BAV (Schulte & Michalak, in Vorb.) und der Therapieerfolg mit acht unterschiedlichen Erfolgsmaßen. Ergebnisse: In Abhängigkeit vom methodischen Vorgehen lassen sich deutliche Hinweise darauf finden, dass erhöhte Konfliktwerte mit Defiziten in der Therapiemotivation und subjektiver Erfolgsbeur- teilung assoziiert sind. Schlussfolgerungen: Der Integration von Zielen scheint eine hohe Relevanz für den Therapieverlauf zuzu- kommen. Schlüsselwörter: Konflikt, Ziele, Therapiemotivation, Therapieerfolg Goal conflicts and therapy motivation Abstract. Background: The construct of conflict has played an important role for theory development in the history of psychology and psychotherapy, though it has rarely been investigated empirically. Objective: The study investigates the impact of goal conflicts on therapy motivation and treatment success. Method: In a sample of 24 outpatients with anxiety disorders, goal conflict was assessed using the Striving Instrumentality Matrix (SIM, Emmons & King, 1988), therapy motivation was measured with the BAV (Schulte & Michalak, in prep.), and treatment success with eight different measurements of success. Results: Depending on methodological issues, results provide considerable evidence that increased conflict scores are associated with deficits in therapy motivation and subjective outcome assessment. Conclusions: Goal integration seems to be of high relevance for the therapy process. Key words: conflict, personal goals, therapy motivation, treatment success Das Konzept des intrapsychischen Konfliktes spielt im Rahmen der Psychologiegeschichte eine herausragende Rolle. In analytischen (z. B. Freud, 1915; Horney, 1945; Horowitz, 1988; Jung, 1935), behavioristischen (z. B. Miller, 1944; Wolpe, 1958), motivationspsychologischen (z. B. Hovland und Sears, 1938; Lewin, 1931) und kogni- tiven (z. B. Epstein, 1982 ;Lecky, 1945) Ansätzen wurde das Konfliktkonzept als zentrales Element der Theorie- bildung aufgegriffen. Vor allem zwei Vorstellungen sind dabei mit dem Konfliktkonzept verbunden: Zum einen die Vorstellung, dass Konflikte als psychopathologischer Faktor bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von psychischen Störungen eine zentrale Rolle spielen. Von Freuds (1915) Neurosentheorie bis zu aktuellen schematheoretischen Konfliktkonzeptualisierungen (Grawe, 1998) prägt diese Annahme zahlreiche Pathologietheorien. Zum anderen wurde aber auch immer wieder davon ausgegangen, dass Konflikte im nicht pathologischen Bereich als motivatio- nal-handlungssteuernder Faktor das Erleben und Verhal- ten von Personen beeinflussen. Konflikte werden hier als Ursache von Hemmung bei der Handlungsausführung, von motivationalen Defiziten oder Selbstregulations- schwierigkeiten konzeptualisiert (z.B. Emmons & King, 1988; Emmons, King & Sheldon, 1993; Miller, 1944, 1959). Das duale Modell des Therapieprozesses Beide Ansätze müssen dabei nicht als Alternativen gese- hen werden. Konflikte können insofern pathologisch wirken, indem sie entweder direkt zur Ausbildung patho- logischer Symptome führen oder indem sie indirekt die Bewältigung oder Selbstkontrolle pathologischen Verhal- tens erschweren, somit salutogenetische Faktoren beein- trächtigen und insofern zur Aufrechterhaltung psychischer Störungen beitragen. Das gilt auch für die Selbstkontrollbemühungen des Patienten innerhalb einer Psychotherapie. Im Rahmen des dualen Modells der Psychotherapie (Schulte, 1996, 1997) wird die Mitwirkung des Patienten als psychotherapeuti- sches „Basisverhalten des Patienten“ beschrieben, das unterschiedlich ausgeprägt und insofern die Durchfüh- rung der „eigentlichen“, störungszentrierten Therapie fördern oder behindern kann. Im Rahmen der Therapie fallen dem Therapeuten ge- mäß des dualen Modells zwei Aufgaben zu. Er sollte zum einen die den Problemzuständen des Patienten zugrunde- liegenden Störungsbedingungen identifizieren und die entsprechenden spezifischen therapeutischen Methoden (z. B. Reizkonfrontation, kognitive Interventionen) an- wenden (Methoden-Strang des dualen Modells).