611 Originalien Angst und Depressivität in der über 60-jährigen Allgemeinbevölkerung R. Schwarz 1 , Th. Gunzelmann 2 , A. Hinz 3 , E. Brähler 3 1 Selbständige Abteilung für Sozialmedizin (Leiter: Prof. Dr. R. Schwarz), Universität Leipzig 2 Nürnberg 3 Selbständige Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie (Leiter: Prof. Dr. E. Brähler), Universität Leipzig Dtsch. Med. Wschr. 012- 04722001; 126: 611–615 © Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York O r i g i n a l i e n O r i g i n a l i e n Grundproblematik und Fragestellung: Angst und Depressivi- tät führen zu einer hohen Inanspruchnahme medizinischer Leis- tungen. Untersucht wurden Häufigkeit und Ausmaß auffälliger Angst- und Depressionssymptome in der älteren Allgemeinbe- völkerung. Probanden und Methodik: In einer zufällig gezogenen Stich- probe über 60-Jähriger aus der Allgemeinbevölkerung (n = 622; Durchschnittsalter 69,55 Jahre; 56,1% Frauen), wurde mittels der Hospital Anxiety and Depression Scale (HADS) die Häufigkeit von Angst und Depressivität untersucht. Ergebnisse: Auffällige Werte für Angst wiesen 7,6%, auffällige Werte für Depressivität 27,5% der Untersuchten auf. 31,7% der über 60-Jährigen zeigen einen auffälligen HADS-Gesamtwert als Maß für allgemeinen psychischen Distress. Selbsteingeschätzte Angst und Depressivität waren hoch miteinander korreliert (r = 0,69). Die Häufigkeit von Angst und Depressivität war bei Frau- en geringgradig höher als bei Männern. Ein signifikanter Einfluss des Geschlechts auf das Ausmaß von Angst und Depressivität bestand aber nicht. Dagegen fand sich ein signifikanter Altersef- fekt für Depressivität, wobei mit zunehmendem Alter höhere Angst- und Depressivitätswerte beobachtet wurden. Angst und Depressivität korrelierten signifikant positiv mit Symptomen des Müdigkeitssyndroms (fatigue) und mit subjektiven Körper- beschwerden sowie signifikant negativ mit Merkmalen der Le- bensqualität. Folgerungen: Die Ergebnisse verweisen darauf, dass bei unspe- zifischen Körperbeschwerden und allgemeiner Müdigkeit älte- rer Menschen nicht nur die alterskorrelierte Multimorbidität als Ursache in Betracht zu ziehen ist, sondern auch ein Screening für Angst und Depressivität durchgeführt werden sollte. Anxiety and depression in the normal population aged above 60 years Background: Anxiety and depression lead to extensive utiliza- tion of the health service. Frequency and extent of symptoms of anxiety and depression were assessed in the elderly general po- pulation . Participants and method: In a random community sample of 622 elderly persons aged above 60 years (mean age 69.55 years; 56.1% women), the frequency of anxiety and depression was as- sessed by means of the Hospital Anxiety and Depression Scale. Results: Probable anxiety was found in 7.6% of the elderly, prob- able depression in 27.5%. Negative affectivity (based on the to- tal scale) was found in 31.7% of the elderly. Self-reported anxi- ety and depression symptoms correlated to a considerable ex- tent (r = 0.69). There were higher rates of probable anxiety and depression in women than in men. However, a significant effect of the sex on anxiety and depression scores was not found. There was a significant effect of age, with higher depression rates with increasing age. Anxiety and depression correlate significantly positively with the fatigue syndrome and with subjective bodily complaints and significantly negatively with different aspects of quality of life. Conclusions: Physical complaints in the elderly cannot be di- rectly traced back to age-correlated multimorbidity. Rather, eld- erly persons with nonspecific bodily complaints and fatigue should also be screened for anxiety and depression. Angst und depressive Beschwerden treten im Alter relativ häufig auf. Die Prävalenzen liegen insbesondere bei älteren Menschen mit chronischen Erkrankungen deutlich höher als in der älteren Allgemeinbevölkerung insgesamt (9, 10, 12, 16). Die Störungen werden aber in vielen Fällen nicht erkannt (4, 12, 15). Dies ist insbesondere der Fall, wenn der Schwere- grad der Symptomatik nicht das Ausmaß für eine spezifizierte psychiatrische Diagnose nach den Kriterien des »Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders«, Version IV (DSM- IV) oder der »International Classification of Diseases«, Versi- on 10 (ICD-10) erreicht (9). Ein besonderes diagnostisches Problem besteht dabei darin, dass somatische Störungen dia- gnostisch unspezifisch sind und sowohl mit einer depressiven Störung als auch mit der alterskorrelierten körperlichen Mul- timorbidität im Zusammenhang stehen können (9). Im Bundes-Gesundheitssurvey fanden sich in der deutschen Allgemeinbevölkerung zwischen 18 und 65 Jahren nach den Kriterien des DSM-IV und den Kriterien der ICD-10 in 6,3% af- fektive und in 9% Angststörungen (19). Psychische Störungen insgesamt (d.h. affektive, somatoforme und Angststörungen) waren mit 17,3% in einem bedeutsamen Ausmaß zu beobach- ten. Für über 60-jährige Menschen werden in der Literatur höhere Prävalenzraten berichtet, die je nach diagnostischen Kriterien variieren. Angstgefühle, die in ihrem Schweregrad unterhalb klinischer Diagnosekriterien liegen, bestehen Flint (5) zufolge bei 20% der Älteren. Forsell und Winblad (7) fan- den entsprechende Werte von 19,4% für gelegentliche Angst- gefühle und von 5,0% für ständige Angstgefühle in einer Stichprobe von 78- bis 99-Jährigen. In der Berliner Altersstu- die (BASE) wurde bei über 70-jährigen Personen aus einer re- präsentativen Bevölkerungsstichprobe anhand psychiatri- scher Einschätzungen in 23% eine »subdiagnostische« depres- sive Symptomatik gefunden (d.h. mindestens ein anhaltendes