J.Schumacher 1 · Y.Stöbel-Richter 2 · E.Brähler 2 1 Institut für Angewandte Psychologie, Klinische und Gesundheitspsychologie, Universität Leipzig 2 Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, Universitätsklinikum Leipzig Der Kinderwunsch aus psychologischer Sicht Zum Einfluss des erinnerten elterlichen Erziehungsverhaltens und der Partnerschaftszufriedenheit Zusammenfassung DievorliegendeUntersuchungbeschäftigt sichdemEinflussdeserinnertenelterlichen ErziehungsverhaltensundderPartner- schaftszufriedenheitaufdenaktuellenKin- derwunsch.Bisherliegendazunurwenige empirischeBefundevor.DieUntersuchung basiertaufdenDatenvon N =1104Perso- nenimAltervon18±50Jahren,dieimRah- meneinerumfänglicherenbevölkerungsre- präsentativenStudieinsgesamt1509Per- sonen)befragtwurdenundangegebenhat- ten,ineinerPartnerschaftzuleben.DieUn- tersuchungsdatenwurdenmitHilfevon SelbstbeurteilungsskalenFragebogenzum erinnertenelterlichenErziehungsverhalten FEE,Partnerschaftsfragebogen PFB)erhoben. Eszeigtesich,dasseinalsablehnend,über- behütendundwenigemotionalwarmerin- nerteselterlichesErziehungsverhalteneben- sowieeineniedrigePartnerschaftszufrie- denheitmiteinemgeringerausgeprägten Kinderwunschverbundensind.DieZusam- menhängesindjedochnichtallzuhochund verweisenaufdiemultifaktorielleBedingt- heitdesKinderwunsches. Schlüsselwörter Kinderwunsch·ErinnerteselterlichesErzie- hungsverhalten·Partnerschaftszufrieden- heit Psychologische und soziodemographische Determinanten des Kinderwunsches Deutschland gehört heute weltweit zu den Ländern mit den niedrigsten Ge- burtenraten. Ein kontinuierlicher Rück- gang der Geburtenzahlen ist in Deutschland allerdings bereits seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts zu beob- achten und zeigte sich besonders gra- vierend in den Jahren von 1965 bis 1975 sog. ¹Pillenknickª). In den neuen Bun- desländern kam es nach der deutschen Wiedervereinigung zu einem dramati- schen Geburtenrückgang um ca. 60 %. Dieser Trend scheint inzwischen ge- stoppt zu sein, da seit 1996 ein Wieder- anstieg der Geburtenzahlen zu ver- zeichnen ist, ohne allerdings die west- deutschen Werte der 90er Jahre oder das DDR-Niveau des Jahres 1989 zu er- reichen Dorbritz 1997; Höhn u. Dor- britz 1995). Neben den geschilderten Trends in der Geburtenentwicklung lässt sich in den letzten Jahrzehnten in Deutschland eine stetig sinkende Zahl von Einkindfa- milien und ein Anstieg kinderloser Ehen und Partnerschaften konstatieren. Kinderlosigkeit hat sich damit zu einer bedeutsamen demographischen Ein- flussgröûe entwickelt Dorbritz u. Schwarz 1996; Huinink u. Brähler 2000). Wichtig ist hierbei jedoch, zwi- schen ungewollter und gewollter Kin- derlosigkeit zu unterscheiden. Während die ungewollte Kinderlosigkeit das Re- sultat eines multifaktoriellen Gesche- hens darstellt, bei dem medizinische Ur- sachen vor allem die Sterilität der Frau oder des Mannes), Arbeits-, Lebens- und Umweltbedingungen sowie ver- schiedene psychosoziale Faktoren zu- sammenwirken Strauû 2000), spielen bei der gewollten Kinderlosigkeit psy- chologische, insbesondere motivatio- nale Prozesse die zentrale Rolle, da hier die befristete oder lebenslange) Kin- derlosigkeit auf einer mehr oder weni- ger bewussten Entscheidung beruht Schneewind 1997; Schneider 1996). Aber nicht nur die Entscheidung gegen sondern auch die für ein eigenes Kind wird stark durch psychologische Pro- zesse determiniert. Insbesondere seit der Verfügbarkeit vergleichsweise si- cherer empfängnisverhütender Mittel und der sich dadurch ergebenden bes- seren Planbarkeit von Schwangerschaft und Elternschaft, stellen motivationale Faktoren und die daraus resultierende Intention ein Kind zu zeugen und zu ge- bären d.h. der Kinderwunsch) eine wichtige Determinante der letztlich rea- lisierten Kinderzahl dar. Im Mittel- punkt theoretischer Überlegungen ste- hen dabei Modelle wie der ¹Value-of- Reproduktionsmedizin 6´2001 357 Reproduktionsmedizin 2001 ´ 17:357±363 Springer-Verlag 2001 Psychosomatik Dr. rer. nat. Dipl.-Psych. Jörg Schumacher InstitutfürAngewandtePsychologie, KlinischeundGesundheitspsychologie, UniversitätLeipzig,Seeburgstraûe14±20, 04103Leipzig E-Mail:joesch@uni-leipzig.de