Übersicht
A. Borkenhagen
1
· Y. Stöbel-Richter
2
· E. Brähler
2
· H. Kentenich
1
1
Frauen- und Kinderklinik, DRK-Kliniken Westend, Berlin
2
Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie,
Universität Leipzig
Mehrlingsproblem
bei Kinderwunschpaaren
Einstellungen und Informationsgrad
zur Mehrlingsschwangerschaft,
selektiven Mehrlingsreduktion
und zum Single-Embryo-Transfer
Gynäkologische Endokrinologie 2004 · 2:163–168
DOI 10.1007/s10304-004-0074-5
Online publiziert: 18. August 2004
© Springer Medizin Verlag 2004
Das Mehrlingsproblem ist eines der
schwerwiegendsten Probleme assis-
tierter Fortpflanzung. Zur Reduktion
der Mehrlingsraten müssen Einstellun-
gen und Wissen von Kinderwunsch-
paaren zur Mehrlingsproblematik ver-
mehrt Eingang in reproduktionsmedi-
zinische Beratungskonzepte finden.
Im Anschluss an eine Recherche in
Medline, Psyndex und ausgewählten
deutschsprachigen Zeitschriften wer-
den in einem Review die Studienergeb-
nisse von 9 Studien zu Einstellungen
und Wissen von Kinderwunschpaaren
zur Mehrlingsproblematik bzw. Mehr-
lingsreduktion sowie zum Single-Emb-
ryo-Transfer dargestellt, die zwischen
1990 und 2004 publiziert wurden.
Mehrlingsproblem
in der Reproduktionsmedizin
Die Verbreitung reproduktionsmedizini-
scher Maßnahmen hat die Rate von Mehr-
lingsschwangerschaften in den letzten
20 Jahren stark ansteigen lassen: Im Ver-
gleich zu 1980 hat sich die Rate der Zwil-
lingsgeburten in den USA bis zum Jahr
2001 um 59% erhöht, die Geburtsrate von
Drillingen bzw. höhergradigen Mehrlin-
gen sogar um 401% [13]. Nach Ansicht der
ESHRE Capri Workshop Group (2000) [4]
stellen die erhöhten Mehrlingsraten ein
ernsthaftes und von ärztlicher Seite vielfach
unterschätztes Problem assistierter Fort-
pflanzung dar. So ist die Todesrate von Zwil-
lingen 4fach, von Drillingen 6fach höher
als von Einlingen. Neben den gesundheit-
lichen Risiken einer Mehrlingsgeburt wie
Risikoschwangerschaft, geringes Geburts-
gewicht der Kinder, Präeklampsie, Anämie,
postpartale Blutungen, Wachstumsstörun-
gen der Föten, neonataler Morbidität und
erhöhter Todesrate von Föten und Kindern
führt eine Mehrlingsgeburt häufig zu viel-
fältigen psychosozialen und ökonomischen
Problemen der Mehrlingsfamilie [2, 5, 10].
Mehrlingskinder leiden häufiger als Einlin-
ge an sog. minimalen hirnorganischen Dys-
funktionen (MCD), die mit Lernschwierig-
keiten und psychosozialen Problemen ein-
hergehen. Auch bei organischer Gesund-
heit beanspruchen Mehrlingskinder ein hö-
heres Maß an Zuwendung und Aufmerk-
samkeit der Eltern.
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Single-Embryo-Transfer: beste
Gewähr für die Vermeidung von
Mehrlingsschwangerschaften
Angesichts der möglichen physischen, psy-
chosozialen und ökonomischen Folgen
von Mehrlingsschwangerschaften stellt
das Mehrlingsproblem eines der schwer-
wiegendsten Probleme assistierter Fort-
pflanzung da. Auch unter gesundheitspoli-
tischen Aspekten ist die Mehrlingsschwan-
gerschaft kritisch zu bewerten. So liegen
die durchschnittlichen Krankenhauskos-
ten einer Mehrlingsschwangerschaft deut-
lich höher als die Durchschnittskosten ei-
ner IVF-Behandlung bzw. eines ICSI-Zyk-
lus. Daher kommt der Prävention und Re-
duktion der Mehrlingsrate eine erhebliche
Bedeutung zu. Zielführend ist nach Ansicht
der ESHRE Capri Workshop Group (2000)
[4] wie auch der Bertarelli Foundation
(2003) [12] hier ein effizientes Embryonen-
screening in Kombination mit einem Sin-
gle-Embryo-Transfer, der die beste Gewähr
für die Vermeidung von Mehrlingsschwan-
gerschaften bietet. Aufgrund einer effizien-
ten Embryonenauswahl (was nicht nur die
Auswahl selbst, sondern auch Herstellung
eines möglichst großen Pools hochwertiger
Embryonen umfasst) sind einige Kliniken
im Ausland bereits in der Lage, den Single-
Embryo-Transfer als Standardverfahren an-
zubieten bei hohen Schwangerschaftsraten
[3]. Die nachträgliche selektive Mehrlings-
reduktion sollte dagegen aufgrund der psy-
chosozialen Belastungen des infertilen Paa-
res, der medizinischen Behandler und aus
ethischen Erwägungen nur als letzte Mög-
lichkeit in Betracht gezogen werden.
Leiblum et al. [11], die 1990 als erste die
Einstellung von Kinderwunschpaaren zur
Mehrlingsproblematik untersuchten, wie-
163 Gynäkologische Endokrinologie 3 · 2004
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