Niederdeutsch, Nederduijtsch und Deutsch Gedanken zu den in Zeit und Raum verlaufenden Sprachgrenzen 1 Wilken Engelbrecht (Olmütz) Einführung Man kann einen Niederländer nicht schwerer verletzen als mit der Behauptung, seine Muttersprache sei eigentlich ein deutscher Dialekt. 2 Trotzdem wird dies vor allem auf deutscher Seite weitgehend gedacht und ist die Niederlandistik als Fach im Ausland öfters eine Fachgruppe im Rahmen der Germanistik. Übrigens hat auch die Olmützer Niederlandistik ihre Wiedergeburt nach der Wende dank dem in dieser Festschrift geehrten Jubilar im Schoß der Germanistik angefangen. 3 Dass die Grenze zwischen beiden Sprachen manchmal wirklich recht fließend und unklar war, mag dieser Beitrag zeigen. 4 Als Niederlandist im Ausland bekommt man manchmal die merkwürdigsten Bitten. Im Jahre 2006 bat das Schlesische Landesarchiv in Troppau mich, ein Paar spätmittelalterliche Urkunden zu transkribieren und übersetzen, denn man vermutete, dass sie im Mittelniederländischen geschrieben waren. Es handelte sich um drei Leihbriefe aus den Jahren 1437, 1511 und 1564, geschrieben in einer Kanzleischrift, die tatsächlich im östlichen Raum der Niederlande üblich war. Es wurden allerdings im Text Ortsnamen wie Gifften, Gosler, Dornde, Luttckendorede und Northstemmen erwähnt, alles Orte, die ziemlich leicht als norddeutsch identifizierbar waren. 5 Wie aus den Texten in der Anlage sichtbar ist, wurden die Texte mit der Zeit allmählich „hochdeutscher“. Es war meine erste Bekanntschaft mit älteren niederdeutschen Texten. Ein genealogisches Intermezzo in Greifswald Meine eigenen Vorfahren stammen ursprünglich aus dem nordniederländischen Kirchspiel Engelbert (früher auch Engelbrecht genannt) im Groningener Gorecht auf acht km südlich der Stadt Groningen am alten Hoofdweg (Hauptweg) nach Fraeylemaborg. Das Gorecht ist ursprünglich westmittel - friesisches Gebiet mit stark niedersächsischem Einfluss. 6 Irgendwann im 13. Jahrhundert muss ein 1 Mit freundlichem Dank an Dr. Andrea Moshövel (Olmütz) für die Berichtigung der deutschen Textfassung. 2 Komischerweise sind viele Niederländer andererseits recht stolz darauf gutes „britisches“ Englisch zu sprechen und möchten ihre Heimat am liebsten wie eine britische Insel betrachten, die irrtümlicherweise auf den Kontinent geraten ist. 3 Die Niederlandistik wurde als Lektorat der Germanistik im Jahre 1990 wiedererrichtet, bekam im Jahre 1997 den Status einer Fachgruppe und war dann bis 2003 Teil der Germanistik in Olmütz. 4 Dieser Beitrag ist eine wesentlich umgearbeitete und stark erweiterte Version meines Beitrags beim XII. Kongress der Internationalen Vereinigung für Germanistik Vielheit und Einheit der Germanistik weltweit, gehalten am 2. August 2010 in der 45. Sektion. 5 Heuzutage: Giften, Goslar, Dörnten, Lutter am Bärenberge und Nordstemmen. 6 Für das Kirchspiel Engelbert und den Kreis Gorecht siehe Jan van den Broek: Groningen, een stad apart: over het verleden van een eigenzinnige stad (1000-1600). Assen 2007, S. 222-230.