1 Malte Rosemeyer Masse und Klasse. Zur Datierung von grammatischen Sprachwandelprozessen 1 Einleitung Die Etablierung einer Chronologie ist ein grundlegender Arbeitsschritt für diachrone Analysen von Sprachwandelprozessen, und es ist ein Arbeitsschritt, der eine quantitative Methodologie voraussetzt. Der Grund hierfür liegt in dem Verhältnis zwischen funktionaler Innovation und Diffusion: die innovative Verwendung von Sprachmaterial ist zunächst ein kognitiver Prozess, der notwendigerweise in einer einzelnen SprecherIn stattfindet. Erst dann werden diese Innovationen in der größeren Sprachgemeinschaft verallgemeinert (cf. Croft 2000, 25–36). In historischen Texten entsprechen solche Diffusionsprozesse vielmals Prozessen der sukzessiven Verschriftlichung von Sprachen (cf. Oesterreicher 1998, 13–21): wenn eine ursprünglich mündliche Diskurstradition verschriftlicht wird, ist davon auszugehen, dass Innovationen aus dem Sprachgebrauch in die neuen Texte gelangen. In letzter Konsequenz bedeutet dies, dass Einzelbeispiele keine ausreichende Evidenz für die Existenz von Sprachwandelprozessen darstellen. So wird das folgende Beispiel (1) häufig als Beleg der Grammatikalisierung von Lat. habere + PtcP zur heutigen temporalen Funktion angeführt: (1) ecce episcopum cum duce et civibus invita-tum hab-es sieh Bischof mit Anführer und Bürger einladen-PTCP haben-2SG ’Sieh an, Du hast den Bischof mit dem Anführer und den Bürgern als Eingeladenen’ (Gregor v. Tours, De vita patrum, 3.1) Auch wenn (1) zweifelsfrei belegt, dass die SprecherInnen des Vulgärlateins die Möglichkeit hatten, habere + PtcP innovativ zu verwenden, kann es doch noch kein Beleg für die Produktivität der Konstruktion im Vulgärlatein sein. Daher kann erst eine quantitative Herangehensweise zweifelsfreie Evidenz für den genannten Wandelprozess liefern. Obwohl die Verwendung von quantitativer Methodologie die Datierung von Wandelprozessen ermöglicht, bringt sie doch viele eigene Probleme mit sich. Dies liegt daran, dass die historische Sprachwissenschaft in der Datierung von Sprachwandelprozessen besonders stark von philologischen Studien abhängig ist. So haben philologische Aspekte wie die Verlässlichkeit der Datierung oder die historische Pragmatik von Quelltexten einen gewichtigen Einfluss auf die Chronologie von Wandelphänomenen, die sich aus der quantitativen Analyse dieser Texte ergibt. Aus diesem Grund beschränken sich diachrone Studien häufig auf die relative Datierung der Chronologie dieser Wandelphänomene: ein Wandelphänomen wird nicht wie bei der absoluten Datierung in Bezug auf eine zeitliche Einheit (insbes. Jahre) datiert, sondern in Bezug auf andere bereits stattgefundene Sprachwandelprozesse. So kann z.B. der Wandel im Vokalismus im Schwedischen in Wörtern wie gäst «Gast» als Abfolge zweier Wandelphänomene beschrieben werden, die logisch voneinander abhängig sind: erstens den durch das /i/ in der letzten Silbe bedingten Wandel von /a/ > /e/ (Protogermanisch gastiz > gestir) und zweitens den Verlust von /i/ in der letzten Silbe (gestir > Altnorwegisch gestr > Schwedisch gäst) (Campbell 1999, 43). Wenn der Verlust des /i/ vor der Umlautbildung stattgefunden hätte, würden wir die nichtexistente Form *gastr als Resultat des Wandels erwarten. Laut Campbell gilt diese relative Chronologie somit als gesichert. Allerdings ist eine relative Datierung von Sprachwandelphänomenen für empirische Fragestellungen nicht geeignet, die die Geschwindigkeit von Wandelprozessen betreffen. So ist beispielsweise die Geschwindigkeit von Wandelprozessen von großer Relevanz für die Diskussion über die Abruptheit oder Gradualität von Sprachwandel. Nativistisch orientierte Ansätze zum Sprachwandel wie beispielsweise Lightfoot (1979) nehmen an, dass ein Wandel in der Parametrisierung der Grammatik einer Sprache erst durch den Erstsprachenerwerb der Folgegeneration den Weg in die Kompetenz der SprecherInnen findet. Hingegen schlagen viele funktionale Ansätze zum Sprachwandel wie beispielsweise Croft (2000) vor, dass