W. Heinke und P. Dunkel haben zu gleichen Tei-
len zu der Arbeit beigetragen.
Anaesthesist 2011 · 60:1109–1118
DOI 10.1007/s00101-011-1947-3
Eingegangen: 2. April 2011
Überarbeitet: 9. September 2011
Angenommen: 12. September 2011
Online publiziert: 11. November 2011
© Springer-Verlag 2011
W. Heinke
1
· P. Dunkel
2
· E. Brähler
3
· M. Nübling
4
· S. Riedel-Heller
5
· U.X. Kaisers
1
1
Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie, Universität Leipzig
2
Klinik für Anästhesiologie, Technische Universität München
3
Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie,
Universität Leipzig
4
Freiburger Forschungsstelle Arbeits- und Sozialmedizin, Freiburg
5
Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health, Universität Leipzig
Burn-out in der
Anästhesie und
Intensivmedizin
Gibt es ein Problem in Deutschland?
Originalien
Hohe Beanspruchungen durch über-
lange Arbeitszeiten, steigende Pa-
tientenzahlen und viele zu fällen-
de Entscheidungen in kurzer Zeit las-
sen vermuten, dass Anästhesisten
und Intensivmediziner überdurch-
schnittlich gefährdet sind, ein Burn-
out-Syndrom (BOS) zu entwickeln.
Auch hohe emotionale Anforderun-
gen, z. B. durch Therapieentschei-
dungen am Lebensende, sollen maß-
geblich das Erkrankungsrisiko beein-
flussen. Beeinträchtigen die erwähn-
ten berufsbedingten Anforderungen
das Privatleben, kann dieser Konflikt
ebenfalls eine Rolle spielen. Interna-
tional wird das Burn-out-Risiko für
Anästhesisten mit etwa 25–50% be-
ziffert. Konkrete Zahlen aus Deutsch-
land lagen bislang nicht vor.
Hintergrund
Aktuelle Studien vermuten ein erhöhtes
Risiko für die Entwicklung psychischer
Erkrankungen, wie Burn-out, Depressio-
nen oder Suizid bei Anästhesisten und In-
tensivmedizinern [6, 11]. Für Deutschland
gibt es bisher jedoch kaum Zahlen, sodass
sich Aussagen zum konkreten Berufsrisi-
ko für psychische Erkrankungen bei An-
ästhesisten nicht machen lassen [20]. Als
beruflich assoziierte psychische Störung
gilt hauptsächlich das BOS, für das al-
lerdings keine allgemein akzeptierte Be-
griffsbestimmung existiert [16]. Kern der
meisten bisherigen Definitionsversuche
ist die chronische, subjektiv empfundene
Erschöpfung, die sich auf ein breites Spek-
trum individuell unterschiedlicher Kon-
stellationen und beruflich belastender
Faktoren beziehen kann [20]. Demnach
kann Burn-out als Ergebnis einer kom-
plexen Interaktion zwischen persönlichen
und strukturellen Momenten der Arbeits-
situation angesehen werden [2].
>
Burn-out ist als chronische,
subjektiv empfundene
Erschöpfung definiert
Die Problematik des BOS im anästhe-
siologischen Berufsumfeld wurde jüngst
durch 2 Arbeiten von Michalsen u. Hil-
lert [20, 21] ausführlich dargelegt. Zah-
len aus verschiedenen Ländern wurden
präsentiert und Schlussfolgerungen für
die Situation der Anästhesie in Deutsch-
land gezogen. Insgesamt werten die Au-
toren die Daten sehr vorsichtig, denn vie-
len zitierten Studien fehlen geeignete Ver-
gleichsgruppen aus anderen Berufen. Sie
sind deshalb nur eingeschränkt interpre-
tierbar, da Beanspruchungen und Stress
nicht nur bei im Gesundheitssystem Tä-
tigen, sondern in allen Bereichen der Ge-
sellschaft zugenommen haben. Darüber
hinaus erscheint die Darstellung konkre-
ter Zahlen aus Deutschland für die Dis-
kussion hierzulande notwendig, da die
Rahmenbedingungen des Gesundheits-
systems für Stress und Burn-out ein nicht
zu unterschätzender Faktor sind [4]. Folg-
lich ist die Übertragbarkeit ausländischer
Studien auf Deutschland im Kontext be-
rufsbedingter psychischer Störungen
nicht ganz unproblematisch.
International wird das Burn-out-
Risiko für Anästhesisten mit etwa 25–50%
beziffert [5, 8, 12, 14, 19]. Häufig werden
hohe Beanspruchungen durch überlange
Arbeitszeiten, steigende Patientenzahlen
und viele zu fällende Entscheidungen in
kurzer Zeit (hohe kognitive Arbeitslast)
für die Prävalenz des BOS verantwort-
lich gemacht. Aber auch hohe emotiona-
le Anforderungen, z. B. durch Therapie-
entscheidungen am Lebensende, sollen
maßgeblich das Erkrankungsrisiko be-
einflussen. Beeinträchtigen die erwähn-
ten berufsbedingten Anforderungen das
Privatleben, spielt dieser Konflikt eben-
falls eine Rolle. So sollen Frauen, bedingt
Redaktion
R. Rossaint, Aachen
1109 Der Anaesthesist 12 · 2011
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