Depression und Angst bei älteren russischstämmigen Menschen
mit jüdischem Hintergrund in Deutschland: Wie wirken sich Diskriminierung
und Religiosität aus?
Depression and Anxiety in Elderly Jews from Former Soviet Union in Germany:
The Role of Discrimination and Religiosity
Autoren Yuriy Nesterko
*
, Nadja Seidel
*
, Elmar Brähler, Heide Glaesmer
Institut Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, Universität Leipzig
Schlüsselwörter
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"
Migration
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PHQ-4
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Religiosität
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Diskriminierung
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Integration
Keywords
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immigration
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PHQ-4
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discrimination
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religiosity
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integration
Bibliografie
DOI http://dx.doi.org/
10.1055/s-0033-1349647
Psychiat Prax
© Georg Thieme Verlag KG
Stuttgart · New York
ISSN 0303-4259
Korrespondenzadresse
Dipl.-Psych. Yuriy Nesterko
Abteilung für Medizinische
Psychologie und Medizinische
Soziologie, Universitätsklinikum
Leipzig AöR
Philipp-Rosenthal-Straße 55
04103 Leipzig
yuriy.nesterko@uni-leipzig.de
Originalarbeit
Einleitung
!
Ein allgemeiner Zusammenhang zwischen Migra-
tion und psychischer Belastung wurde sowohl na-
tional [1 – 4] wie auch international [5 – 8] in ver-
schiedenen Studien gezeigt. Zugleich konnten
einige andere vergleichbare Untersuchungen kei-
ne Beziehungen zwischen Migration und psy-
chischer Gesundheit aufzeigen [9 – 11], was vor
allem mit Hinblick auf die methodischen Beson-
derheiten der Forschungsarbeiten (Heterogenität
der Untersuchungsgruppe, Selektivität der Erhe-
bungsinstrumente, kultursensitive Gesundheits-
einstellungen) diskutiert werden muss [12]. Men-
schen mit Migrationshintergrund in Deutschland
sind eine sehr heterogene Gruppe [13], sodass es
sinnvoll erscheint, bei der Erforschung der migra-
tionsassoziierten Auswirkungen auf die psychi-
sche Gesundheit sich gezielt auf eine bestimmte
Gruppe von Migranten und Migrantinnen zu fo-
kussieren [14]. Aus diesem Grund untersucht die
vorliegende Arbeit eine sehr homogene Gruppe:
die der älteren russischstämmigen Menschen mit
jüdischem Hintergrund aus der ehemaligen Sow-
jetunion.
Kaum eine andere Migrantengruppe in Deutsch-
land ist in dem Anteil älterer Menschen derart
groß, wie die der jüdischen Einwanderer. Laut
Haug [15] betrug 2005 das mittlere Lebensalter
der jüdischen Einwanderer 40 Jahre. Gemäß der
Mitgliederstatistik der Zentralwohlfahrtsstelle
der Juden in Deutschland [16], waren 2012 45 %
aller Mitglieder über 60 Jahre, 10 % waren 80 Jah-
re und älter. Gleichzeitig ist jedoch die Datenlage
zu dieser Migrantengruppe vor allem hinsichtlich
der soziodemografischen Charakteristika als un-
befriedigend zu bewerten [17]. Dies liegt haupt-
sächlich daran, dass die Merkmale „jüdische Na-
tionalität“ oder „jüdische Religionszugehörig-
keit“, wie auch jede andere religiöse Zugehörig-
keit nach dem deutschen Recht nicht gesondert
in der amtlichen Statistik ausgewiesen werden.
Zudem stellen die Angaben der Zentralwohl-
fahrtsstelle der Juden in Deutschland ein selekti-
ves Bild der russischstämmigen Menschen mit jü-
dischem Hintergrund dar, da die Aufnahme in
eine jüdische bzw. israelitische Gemeinde mit
dem Nachweis der Abstammung von einer „jüdi-
schen“ Mutter einhergeht. Die Einreise- und Auf-
enthaltsgenehmigung dieses Personenkreises in
der Bundesrepublik Deutschland erfolgt hingegen
im Status der sogenannten „Kontingentflüchtlin-
ge“, wobei die Abstammung mindestens eines El-
ternteils als „jüdisch“ nachgewiesen werden
muss. Darüber hinaus wurden in der ehemaligen
Sowjetunion Menschen mit jüdischem Hinter-
grund im Sinne der Nationalität und nicht im Sin-
ne der Religionszugehörigkeit als solche offiziell
ausgewiesen. Somit lässt sich der Personenkreis
der russischstämmigen Menschen mit jüdischem
Hintergrund nicht eindeutig als eine religiös, viel * geteilte Erstautorschaft
Nesterko Y et al. Depression und Angst … Psychiat Prax
Zusammenfassung
!
Anliegen: Bei älteren jüdischen Menschen wurde
der Einfluss von Diskriminierung und Religiosität
auf psychische Gesundheit untersucht.
Methodik: Angst- und Depressionswerte (PHQ-4)
wurden erhoben (n = 110) und Regressionsmodel-
le als statistische Analysen berechnet.
Ergebnisse: Ältere jüdische Einwanderer mit Dis-
kriminierungserfahrungen zeigen höhere PHQ-4-
Werte. Die Aufenthaltsdauer ist mit Angst und
Religiosität mit Depression positiv assoziiert.
Schlussfolgerung: Der negative Einfluss von Dis-
kriminierung wurde belegt und die Bedeutung
der Integration jüdischer Einwanderer verdeut-
licht.
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