Musikpsychologie Bd. 23, 154- 159, © Hogrefe Verlag, Gött in gen 2013
Spot
Namadeus- PlayYour Name With
Mozarts Game (KV 516f)
Christoph Reuter
1 Einleitung
Das in der Bibliothek des Pariser Musikkonservatoriums aufbewahrte Notenblatt
mit dem Fragment KV 516f wird bis heute immer wieder für ein musikalisches
Würfelspiel gehalten oder gar mit dem Mazart zugeschriebenen Würfelspiel KV
Die inneren Zusammenhänge dieser in der Musikge-
schichte emzigartigen Kombinations-Komposition konnten indessen von Hideo
S. 89-10.1) en.tschlüsselt werden. Die hier vorgestellte Interpre-
tatiOn Noguchis erfreut Sich mcht an allen Stellen gleicher Beliebtheit. So heißt
es z. B. im aktuellen Mozart-Lexikon:
"Man hat nachzuweisen versucht (Noguchi, 1990), daß es dabei um ein Spiel mit Namen geht.
In dem 20-taktJgen Stück der Blattrückseite sei die Kombination der Buchstaben ,Francisca'
zu entdecken: und auch die Buchstabenfolge anderer Namen könne unter Anwendung kom-
pllZlerter .• zu sinnvoller Musik führen. So unbefriedigend dieser Erklärungsver-
such, schemt, klar ISt, daß ?Ie Aufzeichnungen des Blattes völlig anderen, singulären ,Spielre-
geln folgen mussenal s die unter Mozarts Namen publizierten musikalischen Würfelspiele."
(Steinbeck, 2006, S. 501)
Da ?en einfac?en Spielregeln beliebige und beliebig lange Namen
un? Worter smnvoll m Musik umsetzen lassen, ist Noguchis Interpretation des
Skizzenblatts doch recht befriedigend, zumal diese sowohl die Vorder- als auch
die Rückseite in ein schlüssiges Gesamtkonzept bringt, wobei es bis heute für
Noguchis Erklärung noch keine annähernd so gute Alternativlösung für die
Zweiertakte auf dem Skizzenblatt gibt. Dies
zeigte Sich auch bei der Umsetzung dieses bislang nur halb gehobenen Schatzes
der Musikgeschichte in ein interaktives Computerprogramm für das Wiener Haus
der Musik (Reuter, Varga & Ferguson, 2011). Doch zunächst zum erhaltenen
Fragment KV 516f selbst:
Namadeus - Play Your Name With Mozruts Game (KV 5 16f)
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2 Fragment und Funktion
Abb.l:
Skizzenblatt KV 516f, Vorderseite (Bibliotheque Nationale de France, MS 253-01)
Auf der Vorderseite des Notenblatts (vgl. Abb. 1) befinden sich die ersten sechs
Takte des Adagio ma non troppo aus dem 1787 entstandenen g-Moll-Streich-
quintett (KV 516) in einer Klavierfassung und darunter eine Reihe von zweitak-
tigen Melodiefloskeln, die jeweils mit einem Buchstaben des Alphabets markiert
sind: 24 kleine (außer j und x) und 14 große Buchstaben (B, D, G, K, L, M, N,
P, Q, S, T, W, Z). In der letzten Notenzeile befindet sich eine aus den Taktab-
schnitten f, a, n, c, i und S zusammengestellte Me lodie.
Hier hat es zunächst den Anschein, dass Mazart versuchte, das Wort "fancis"
zu vertonen. Dies könnte sich auf das englische Wort "fancy" (Fantasie, Einfa ll ,
Laune) beziehen. Mozart zeigte in verschiedenen schriftlichen Äußerungen, dass
ihm die englische Sprache nicht fremd war, wie z. B. bei seinem Eintrag in das
Stammbuch Joseph Pranz von Jacquins am 24.4.1787.
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In einem Brief Mozarts an seinen Vater ( 17.8 .1782) spricht Mo zart auch eine
Reise nach England an, die er für den Zeitraum um 178611787 plante (vgl.
Deutsch, 1962, S. 221). Eine ähn li che Vermutung, dass Mazart über Prag und
Berlin auch nach London fahren wolle, wird am 29.1.1787 auch im 2. Jahrgang
des Magazins der Musik (23 .4.1787) auf S. 1273 geäußert.
Die Rückseite des Notenblatts (vgl. Abb. 2) lässt jedoch darauf schließen,
dass es eher Mozarts Bestreben war, dem Namen "Francisca" eine Melodie zu
Vergl. Deutsch 1961 , S. 256, weitere schriftliche Äußerungen Mozarts in Englisch
findet man dort auch auf den Seiten 219 (Notiz fürThomas Attwood) und 253 (Stamm-
bucheintrag bei Johann Georg Kronauer). Mein Dank gilt an dieser Stelle Herrn Dr.
Rainer Schwob für diese und andere stets erhellenden Gespräche und wettvollen Hin-
weise zu Mozarts Leben und Werk.