Nervenarzt 2009 · 80:1343–1349 DOI 10.1007/s00115-009-2884-0 Online publiziert: 24. Oktober 2009 © Springer Medizin Verlag 2009 F. Leichsenring 1 · S. Rabung 2 1 Abteilung Psychosomatik und Psychotherapie, Universität Gießen 2 Institut und Poliklinik für Medizinische Psychologie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Hamburg Zur Wirksamkeit psychodynamischer Langzeittherapie bei komplexen psychischen Störungen Aktuelles Rief und Hofmann [1] kritisieren in Aus- gabe 5/2009 von Der Nervenarzt in einer ausführlichen Stellungnahme unsere 2008 in JAMA (Journal of the American Medi- cal Association) erschienene Metaanaly- se zur Wirksamkeit psychodynamischer Langzeittherapie („long-term psychody- namic psychotherapy“, LTPP) [2]. 1 Diese Stellungnahme ist in mehrerer Hinsicht bemerkenswert: 1. Die inhaltlichen Argumente der Au- toren erweisen sich bei genauer Be- trachtung als durchweg nicht haltbar, was wir im Folgenden für jedes ein- zelne Argument zeigen werden. 2. Darüber hinaus arbeiten die Autoren mit Auslassungen und Unterstellun- gen, die den Eindruck erwecken, als hätten wir bewusst gegen Prinzipien wissenschaftlicher Redlichkeit und guter wissenschaftlicher Praxis ver- stoßen. Damit geht die Stellungnah- me von Rief und Hofmann über ei- ne wissenschaftliche Auseinanderset- zung unter Fachkollegen hinaus und stellt einen besonderen Vorgang dar. Wir werden dieses rufschädigende Vorgehen anhand der Aussagen von Rief und Hofmann belegen. Es ist gute wissenschaftliche Praxis, dass Autoren von den Herausgebern einer Zeit- 1 Originalstudien, die im Rahmen dieser Metaanalyse untersucht wurden, werden im Folgenden jeweils nur verkürzt zitiert. Die genauen Literaturangaben können der Meta- analyse entnommen werden. schrift vorab über kritische Stellungnah- men zu ihren Beiträgen informiert wer- den und dass ihnen die Gelegenheit zu ei- ner Erwiderung gegeben wird. So ist z. B. JAMA mit kritischen Beiträgen zu unserer Metaanalyse verfahren [3]. Der Nerven- arzt ist leider nicht so verfahren. Wir sind erst durch Kollegen auf die Stellungnah- me von Rief und Hofmann [1] aufmerk- sam gemacht worden. Noch eine letzte Anmerkung vorweg: Wir haben unsere Metaanalyse nicht in ir- gendeiner x-beliebigen Zeitschrift publi- ziert, sondern in JAMA, wo die Arbeit im Vorfeld der Veröffentlichung ein strenges Review-Verfahren durchlaufen hat. JAMA gehört im Bereich der Medizin weltweit zu den drei wichtigsten Zeitschriften. JAMA ist nicht dafür bekannt, Beiträge zur psy- chodynamischen Therapie bevorzugt zu behandeln. Die von Rief und Hofmann ([1], S. 593) angedeutete Unterstellung ei- ner möglichen Voreingenommenheit der Reviewer dieser Zeitschrift entbehrt jegli- cher Grundlage. Nun zu den Kritikpunkten von Rief und Hofmann im Einzelnen: Unsere Metaanalyse untersucht nicht Psychoanalyse, sondern psychodynamische Langzeittherapie Schon die Überschrift der Stellungnahme von Rief und Hofmann enthält einen zen- tralen Fehler und eine daran gekoppelte Unterstellung. Die Überschrift lautet näm- lich: „Die Psychoanalyse soll gerettet wer- den: Mit allen Mitteln?“ ([1], S. 593). Unsere Metaanalyse hat jedoch nicht „Psycho- analyse“ ([1], S. 593) oder „Langzeitpsy- choanalyse“ („LZPA“, [1], S. 593) zum Ge- genstand, sondern psychodynamische Langzeittherapie („long-term psychody- namic psychotherapy“, LTPP). Dies geht bereits aus dem Titel unserer Arbeit her- vor („The effectiveness of long-term psy- chodynamic psychotherapy: a meta-ana- lysis“) ([2], S. 1551). Wir beanspruchen an keiner Stelle unserer Metaanalyse, Aussa- gen spezifisch über „Psychoanalyse“ oder „Langzeitpsychoanalyse“ zu machen. Die gesamte Argumentation von Rief und Hofmann [1] beruht auf dieser fälsch- lichen Behauptung. Sie geht somit von ei- ner falschen Prämisse aus und alle dar- aus abgeleiteten Schlüsse sind daher nicht haltbar. Formale Definition psychodynamischer Langzeittherapie Unter Bezug auf eine Definition von Crits- Christoph und Barber (2000) haben wir psychodynamische Langzeittherapie als eine Form der psychodynamischen Psy- chotherapie definiert, die mindestens 50 Sitzungen oder mindestens ein Jahr Dau- er umfasst ([2], S. 1552). Dies schließt zwar die klassische analytische (Langzeit-)Psy- chotherapie (im Sinne der deutschen Psy- chotherapierichtlinien) mit ein, aber auch kürzere und modifizierte analytisch be- gründete Verfahren (z. B. die übertra- gungsfokussierte Therapie nach Kern- 1343 Der Nervenarzt 11 · 2009 |