J. Kassubek
1
· A. Danek
3
· K. Del Tredici-Braak
1, 2
· M.W. Greenlee
4
· E.H. Pinkhardt
1
1
Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum Ulm, Ulm
2
Sektion Klinische Neuroanatomie, Zentrum für Biomedizinische Forschung, Universität Ulm, Ulm
3
Neurologische Klinik, Klinikum der Universität München, Campus Großhadern, München
4
Institut für Experimentelle Psychologie, Universitätsklinikum Regensburg, Regensburg
Das Auge als Zugang zur
Pathophysiologie von
Parkinson-Syndromen
Der Krankheitsprozess bei M. Parkin-
son (idiopathisches Parkinson-Syn-
drom, IPS) und bei den atypischen
Parkinson-Syndromen geht weit über
eine Störung der extrapyramidal-
motorischen Systeme hinaus. Die-
se nichtmotorischen Defizite sind so-
wohl klinisch als auch wissenschaft-
lich in den Fokus des Interesses ge-
rückt, einerseits da diese Symptome
durch optimierte Behandlungsstrate-
gien der motorischen Einschränkun-
gen im späten Verlauf des IPS für Pa-
tienten und Angehörige zunehmend
alltagsrelevant werden und anderer-
seits, weil man sich durch ein besse-
res Verständnis und frühzeitiges Er-
kennen der nichtmotorischen Sym-
ptome neue Instrumente zur Früh-
erkennung verspricht, zudem zur frü-
hen Differenzialdiagnose im Spekt-
rum neurodegenerativer Erkrankun-
gen mit Parkinsonismus. Dies ist ins-
besondere im Hinblick auf potenziel-
le zukünftige neuroprotektive Thera-
pieansätze umso wichtiger [1].
Obwohl bereits seit langem bekannt, ste-
hen Störungen des visuellen und visu-
omotorischen Systems bislang nicht im
Fokus dieser Bemühungen. Gründe dafür
sind u. a., dass sowohl Untersuchungen
der Okulomotorik als auch der Sehbahn
mit einer in der klinischen Routine ein-
setzbaren Diagnostik kaum fassbar waren
(oder auch, wie visuell evozierte Potenzi-
ale, in diesem Kontext kaum Einsatz fan-
den). Durch mittlerweile zur Verfügung
stehende robuste videookulographische
Arbeitsplätze und die Einführung der
optischen Kohärenztomographie (OCT)
sind technische Voraussetzungen für eine
Implementierung der neuroophthalmolo-
gischen Untersuchungen in die klinische
Diagnostik und Differenzialdiagnostik
bei Patienten mit IPS gegeben.
Im Folgenden werden Grundlagen und
klinische Aspekte der Beteiligung des vi-
suellen Systems bei IPS und anderen Par-
kinson-Syndromen dargestellt.
Pathoanatomie visueller
Symptome bei M. Parkinson
Das physiologische Vorkommen des Pro-
teins α-Synuklein in spezifischen Schich-
ten und Zelltypen der menschlichen
Netzhaut ist bekannt [2, 3]. Eine kürz-
lich erschienene autopsiebasierte Studie
berichtet über α-Synuklein-enthaltende
zytoplasmatische Einschlüsse („Aggre-
gate“) in 11 von 19 älteren Individuen [4].
Über Lewy-Körper-Pathologie, d. h. Par-
kinson-assoziierte degenerative Verände-
rungen in Form intraneuronaler α-Syn-
uklein-Aggregate, in der Netzhaut oder
in anderen Komponenten des visuellen
Systems ist bisher im Verlauf einer spo-
radisch auftretenden Parkinson-Erkran-
kung nicht berichtet worden. Komponen-
ten des visuellen Systems umfassen außer
der Netzhaut nicht nur den Nervus op-
ticus (N. II), das Chiasma opticum, den
Tractus opticus, den seitlichen Kniehö-
cker (Corpus geniculatum laterale), Teile
des Pulvinar thalami, Assoziationsfelder
des Scheitel- und Schläfenlappens und
vor allem des Hinterhauptlappens sowie
die primäre Sehrinde, sondern auch (im
Wesentlichen zur Kontrolle der Augenbe-
wegungen) die frontalen Augenfelder, su-
periore Anteile des Mittelhirndaches und
Mittelhirnbodens zur Aufrechterhaltung
optischer Reflexe und zur Generierung
vertikaler Sakkaden wie den interstitiellen
Kern von Cajal (iC) und den rostralen in-
terstitiellen Kern des medialen Längsbün-
dels (riMLF) [5].
Im Verlauf eines IPS können Beein-
trächtigungen visueller und okulomoto-
rischer Funktionen eintreten [6, 7, 8, 9],
wie sie in den folgenden Abschnitten im
Detail dargestellt werden. Es ist gegen-
wärtig jedoch umstritten, ob diese Ein-
schränkungen auf altersbedingte Verän-
derungen, auf die Parkinson-Erkrankung,
auf hinzukommende Erkrankungen des
Auges oder auf Kombinationen dieser
Ätiologien zurückzuführen sind. Darü-
ber hinaus ist unbekannt, bis zu welchem
Grad Parkinson-assoziierte kognitive Ein-
schränkungen die erfolgreiche Durchfüh-
rung visueller Tests beeinträchtigen [8].
Ob über den Dopaminmangel im nigros-
triatalen System hinaus in weiteren dopa-
minergen Nervenzelltypen (des Hypotha-
lamus sowie des olfaktorischen und visu-
ellen Systems) ein Transmittermangel be-
steht, ist umstritten [8, 10, 11]. Eine symp-
tomatische Dopaminersatztherapie ist
nicht nur beim olfaktorischen System er-
Nervenarzt 2013
DOI 10.1007/s00115-013-3754-3
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
1 Der Nervenarzt 2013
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