2 (Potentielle) Indikationen
Da Exzitotoxizität durch Übererregung von
NMDA-Rezeptoren verursacht wird, könn-
ten Antagonisten des NMDA-Rezeptors bei
verschiedenen Arten von neurodegenerativen
Erkrankungen wie Schlaganfall, Schädel-
Hirn-Trauma, Morbus Parkinson, Morbus
Huntington, amyotrophe Lateralsklerose,
Epilepsie aber auch bei verschiedenen For-
men der Bekämpfung der Drogenabhängig-
keit eingesetzt werden.
2.1 Ischämische Zustände
Beim ischämischen Schlaganfall führt ein Ver-
schluss von Blutgefäßen zu einer Sauerstoff-
armut in dem entsprechenden Hirnareal. Die
Hypoxie führt zu einer vermehrten L-Gluta-
matfreisetzung, dieses zur Überstimulation
von NMDA-Rezeptoren und damit über er-
höhte intrazelluläre Ca
++
-Konzentrationen
zur Aktivierung vieler Enzyme und zum Ab-
fall der ATP-Spiegel durch mitochondriale
Schädigung. Folge dieses exzitatorischen Pro-
zesses sind neuronale Nekrose oder Apopto-
se. NMDA-Rezeptorantagonisten hemmen
den Ca
++
-Einstrom in die Zelle. Sie verhin-
dern damit die Auslösung der Signalkaskade
und damit diese Exzitotoxizität. Die neuro-
protektiven Eigenschaften von NMDA-
Rezeptorantagonisten verschiedener Sub-
stanzklassen konnten in unterschiedlichen
Modellen in vitro und in vivo gezeigt werden.
Diese Eigenschaften werden zur Arzneistoff-
optimierung herangezogen. Bei akuten neuro-
degenerativen Verlaufsformen, wie z.B.
Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma oder an-
deren ischämischen Zuständen, ist der Thera-
piebeginn nach Infarkt ein entscheidendes
Kriterium für den Behandlungserfolg [3].
Während man etwa 2–10 h nach einem Anfall
durch neuroprotektive Therapie den Zellun-
tergang noch deutlich einschränken kann,
sind nach mehr als 24 h die Erfolgsaussichten
von NMDA-abhängigen Neuroprotektoren
um ein Vielfaches geringer. Dieses gilt aller-
dings nur für Zelluntergänge in der sog.
Penumbra, der Region um den nekrotischen
Kern. Neuroprotektive Effekte können ledig-
lich in der Penumbra erzielt werden. Die Vor-
gänge im nekrotischen Kern sind irreversibel.
2.2 Morbus Parkinson
Einen ähnlichen neuroprotektiven Ansatz-
punkt hat man bei der Behandlung des Mor-
bus Parkinson mit NMDA-Rezeptorantago-
nisten. Der Untergang dopaminerger Neu-
rone, der für das Parkinson-Krankheitsbild
verantwortlich ist, wird nach der „Glutamat-
Hypothese“ mit der Entstehung von reakti-
ven Dopaminmetaboliten bzw. anderen toxi-
schen Abbauprodukten in Verbindung ge-
bracht (Dopamin-Autotoxizität) [4,5]. Diese
neurotoxischen Zwischenprodukte oxidieren
228 Pharmazie in unserer Zeit / 29. Jahrg. 2000 / Nr. 4
0048-3664/00/05–0407-228 $ 17.50 + .50/0 © WILEY-VCH Verlag GmbH, 69469 Weinheim, 2000
1 Einleitung
NMDA-(N-Methyl- D-aspartat-)-Rezeptoren
sind neben AMPA- und Kainat-Rezeptoren
zur Klasse der exzitatorischen (erregenden)
Aminosäurerezeptoren zu zählen, welche je-
weils ligandengesteuerte Kationenkanäle dar-
stellen. Als im Zentralnervensystem (ZNS)
ubiqitär vorhandene Ionenkanäle für Na
+
-,
K
+
- und Ca
++
-Ionen werden NMDA-Rezep-
toren unter gleichzeitigem Angriff von
L-Glutamat und Glycin als echte Koagonis-
ten aktiviert [1]. Wiederholte Stimulierung
führt zum einen zur Ausbildung einer synap-
tischen Plastizität, die mit emotionalen und
kognitiven Prozessen sowie mit Gedächtnis-
leistungen in Zusammenhang gebracht wird.
Eine Überstimulation hingegen führt zu to-
xischen Effekten (Exzitotoxizität), da es
glutamatvermittelt zu einer dramatischen Er-
höhung der intrazellulären Ca
++
-Ionen-
konzentration kommt, welche wiederum
über verschiedene Signalkaskaden zum Ab-
fall der zellulären Adenosintriphosphat-
(ATP-)Spiegel und letztendlich zum Zelltod
durch Nekrose oder Apoptose führt (vergl.
Teil 1) [2].
NMDA-Rezeptoren sind heteromultimere,
membranständige Proteine. Diese Kationen-
kanäle setzen sich immer gleichzeitig aus Un-
tereinheiten des NR1- und NR2-Subtyps zu-
sammen. Aufbau, Verteilung sowie physiolo-
gische und pathophysiologische Bedeutung
dieser Rezeptoren sind im ersten Teil dieser
Übersicht diskutiert worden. Dabei wurden
ebenfalls die vielfältigen Bindungsareale an
NMDA-Rezeptoren vorgestellt. Aus dem
Angriff an diesen Bindungsarealen ergeben
sich für Agonisten, partielle Agonisten und
Antagonisten zahlreiche therapeutische Mög-
lichkeiten zur Beeinflussung von Krankheiten
bzw. krankhaften Zuständen. Diese Thera-
piekonzepte sollen mit verschiedenen Sub-
stanzentwicklungen in diesem Teil diskutiert
werden.
NMDA-Rezeptoren sind einzigartige spezielle Kationenkanäle, die gemeinsam von
L-Glutamat und Glycin als Koagonisten aktiviert werden und zur Familie der exzitatori-
schen Aminosäurerezeptoren zählen. Neben diesen Koagonisten gibt es zahlreiche weitere
Bindungsstellen für strukturell unterschiedliche Liganden, die den Ionenfluss beeinflus-
sen. Während im ersten Teil die Physiologie und Pathophysiologie bei NMDA-Rezeptoren
diskutiert wurden (siehe Pharm. unserer Zeit 29 (2000) 159–166), liegt der Schwerpunkt
des zweiten Teils dieser Übersichtsarbeit bei den Entwicklungen neuer Liganden im
Zusammenhang mit Therapiekonzepten hinsichtlich Neuroprotektion, Ischämie, M.
Parkinson, amyotropher Lateralsklerose sowie bei Psychosen. Es werden Struktur-Wir-
kungsbeziehungen von Verbindungen besprochen, die als Agonisten, Antagonisten bzw.
partielle Agonisten den Rezeptor beeinflussen und deren derzeitig bekannter klinischer
Entwicklungsstatus aufgeführt.
Holger Stark, Ulrich Reichert, Sven Graßmann
Struktur, Funktion und potentielle
therapeutische Bedeutung von
NMDA-Rezeptoren
Teil 2: Therapiekonzepte und neue Rezeptorliganden
Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. W. Schunack gewidmet anlässlich seines
65. Geburtstages