401 Hans-Jörg Trenz Das Kino als symbolische Form von Weltgesellschaft * Filmische Ausdrucksmittel unterscheiden sich von den kulturellen Repräsentationen traditionaler Gesell- schaften durch ihre dekontextualisierten, technisch reproduzierbaren und massenhaft konsumierbaren Verbreitungsmöglichkeiten, die nur noch lose an die bestehenden kulturellen und politischen Räume des Nationalstaats gebunden sind. Diese bereits von Benjamin und Kracauer in aller Schärfe formulierten analytischen Einblicke in eine Soziologie des Kinos sollen in ihrer Wirkungsgeschichte gewürdigt und vor dem aktuellen Horizont von Weltgesellschaft diskutiert werden. Eine Soziologie des Kinos vermag dann Aussagen und Hypothesen darüber zu treffen, wie sich eine geteilte „Weltkultur“ als institutionali- sierter Möglichkeitsraum symbolischer Ausdrucksformen aus einer Vielzahl von Einzelkulturen ausdif- ferenziert und letzteren zugleich neuartige Entfaltungsmöglichkeiten anbietet. 1. Einleitung Mit der Kennzeichnung moderner Gesell- schaft als „Weltgesellschaft“ hat man sich von der Vorstellung einer Pluralität von Ge- sellschaften verabschiedet, die sich über Merkmale wie Territorialität, Staatlichkeit oder Kultur bestimmen lassen. Der Begriff wird in der soziologischen Literatur zumeist allgemein über die Reichweite von Kommu- nikationen und Interaktionen abgesteckt, wo- bei weniger der tatsächliche globale Aus- tausch zwischen Personen als vielmehr die Diffusion von Inhalten, Ideen und Überzeu- gungen und die damit eröffneten Möglichkei- ten weltweiter Verflechtung im Vordergrund stehen. 1 Für die Aktualisierung dieses Reper- toires von Möglichkeiten bedarf es wiederum einer medialen Infrastruktur, die das Potenzial besitzen muss, die Sichtbarkeit und Erreich- barkeit von Kommunikation in einem globa- len Zusammenhang sicher zu stellen. Daraus kann die Forschungsfrage abgeleitet werden, welche Art von Medien für die Erschließung globaler Kommunikationszusammenhänge tatsächlich und aktuell bereit stehen und welche Wirkungen daraus für eine Restruktu- rierung des sozialen Raums zu erwarten sind. Die Schwierigkeit besteht nun darin, dass die Potenzialität technischer Verbreitungs- medien für eine Amplifikation und Be- schleunigung von Kommunikation in globa- len Zusammenhängen nach wie vor durch die Trägheit von Sprache als grundlegendem Kommunikationsmedium ausgebremst wird. Die Pluralität von Sprache scheint einerseits wiederum unausweichlich an die Pluralität von Kulturen als symbolisch organisierte „Zeichensysteme“ rückgebunden, womit die Welt doch wieder in nationale Gesellschaf- ten auseinander fiele, die als Kommunikati- onsräume relativ intakt bleiben müssten, um die Reproduktion kultureller Sinn- und Be- deutungsgehalte in Gang halten zu können. Andererseits stehen nicht erst mit den elek- tronischen Medien, sondern bereits durch die Ausdifferenzierung von „Weltkunst“ und „Weltliteratur“ entsprechende Verbreitungs- medien bereit, die ehemals geschlossene So- zialräume mühelos durchdringen und die raum- und distanzlose Zusammenführung von Kommunikation zu übergreifenden kulturellen Sinnsystemen vorantreiben (Luhmann 1995). Die Suche nach der medialen Infrastruk- tur von Weltgesellschaft mündet damit in die Frage, ob die verfügbaren Verbreitungsme- dien mit weltweiter Reichweite auch symbo- * Der vorliegende Beitrag basiert auf einem Habilitationsvortrag, den ich im Januar 2005 an der Philo- sophischen Fakultät III der Humboldt-Universität zu Berlin gehalten habe. Ich danke den Mitgliedern der Habilitationskommission und den Fakultätsvetretern für ihre nützlichen Anregungen und Kritik, die in die Bearbeitung des Artikels eingeflossen sind.