1 Einleitung Vor dem Hintergrund globaler Wand- lungsprozesse in Umwelt, Gesellschaft und Politik rücken in der UN-Dekade „Bio- logische Vielfalt“ (2011 bis 2020) biodi- versitätsassoziierte Problemstellungen auch auf internationaler Ebene stärker als bisher in den Fokus. Hierbei den Herausforderungen für die gleichberechtigte Teilhabe von Bürgerin- nen und Bürgern an der Gestaltung einer nachhaltigeren Politik aktiv gerecht zu werden, erfordert neuartige Herangehens- weisen sowohl bei der Sensibilisierung für komplexe ökologische und sozio-ökono- mische Zusammenhänge als auch bei der Beteiligung an der Erarbeitung von Lö- sungsansätzen zur Erhaltung der Biodi- versität. Der vorliegende Beitrag soll einen praktischen Versuch zum Umgang mit dieser Problematik vorstellen und disku- tieren. Das Verfehlen der bis 2010 zu errei- chenden Biodiversitätsziele der Vereinten Nationen wird vor allem darauf zurück- geführt, dass die Erhaltung sowie die nachhaltige und gerechte Nutzung der biologischen Vielfalt unzureichend in den Entscheidungen verschiedener Sektoren verankert ist, sowohl international als auch national (Doyle et al. 2010, Mace et al. 2010, Sukopp et al. 2010). Daher wurde auf der 10. Vertragsstaatenkonfe- renz (COP 10) des UN-Abkommens zur Biologischen Vielfalt (CBD) in Nagoya als erstes und wichtigstes Ziel für das Jahr 2020 in den sogenannten Aichi-Zielen formuliert, dass „Menschen den Wert von Biodiversität und Maßnahmen zur Erhal- tung und nachhaltigen Nutzung kennen“ (http://www.cbd.int/sp/targets/). Für die Umsetzung dieses sowie der weiteren 19 Aichi-Ziele ist es nötig, dass Menschen diesen Zielen zustimmen und sich mit ih- nen identifizieren. Die Idee der World Wide Views (WW- Views) on Biodiversity (http://biodiversi- ty.wwviews.org/) geht daher von kriti- schen Fragen zu mit Biodiversität verbun- denen Problemlagen aus, die auf der in- ternationaler Ebene der UN-Konferenzen von Politikern verhandelt werden. Über diese Fragen sollte bereits im Vorfeld der entsprechenden Konferenz weltweit gleichzeitig an einem festgelegten Tag von stellvertretend ausgewählten Vertretern der Bevölkerung diskutiert und abge- stimmt werden. Die Ergebnisse sollten als Bürgermeinung den verhandelnden Poli- tikern, den Delegierten, zurückgespiegelt werden. Dieser Prozess hat zum ersten Mal vor der Klimarahmenkonferenz 2009 als WWViews on Global Warming stattge- funden (Rask et al. 2012). Die Folge- veranstaltung zur biologischen Vielfalt wurde vom Dänischen Technologierat (DBT) gemeinsam mit dem Sekretariat des Abkommens zur Biologischen Vielfalt Bürgerbeteiligung und internationale Verhandlungen Die World Wide Views on Biodiversity in Deutschland Von Katrin Vohland, Martin Knapp, Eva Patzschke, Matthias Premke-Kraus, Michael Zschiesche, Rene Zimmer, Jens Freitag, Lena Herlitzius, Götz Kaufmann und Johannes Vogel Abstracts Die World Wide Views (WWViews) on Biodiversity sind ein glo- baler Diskussions- und Beratungsprozess, bei dem in Form von Bürgerkonferenzen strittige Fragen über Maßnahmen zur Er- haltung der biologischen Vielfalt behandelt wurden. Ausge- hend vom dänischen Technologierat (DBT) und dem Sekreta- riat des Abkommens zur Biologischen Vielfalt (CBD) haben am 15. September 2012 in 25 Ländern je etwa 100 Personen im Rahmen einer international streng standardisierten Veran- staltung über Fragen zur Biodiversität diskutiert. Die Auswahl der Teilnehmer sollte jeweils einen soziodemographischen Querschnitt der nationalen Bevölkerung abbilden. In vier The- menfeldern zur biologische Vielfalt sowie einer abschließenden Bewertungsrunde wurden sowohl international standardisier- te Fragen diskutiert und abgestimmt als auch freie Vorschläge entwickelt. Der in diesem globalen Verfahren eingeforderte Anspruch der Zivilgesellschaft, rechtzeitig auch in komplexe internationale Verhandlungen zur Biodiversität einbezogen zu werden, wurde im Abschlussdokument der 11. Vertragsstaa- tenkonferenz der CBD aufgenommen. In diesem Beitrag wer- den Ergebnisse der deutschen WWViews dargestellt sowie das Format kritisch diskutiert. Public Participation and International Negotiations – The ‘World Wide Views on Biodiversity’ in Germany The WorldWideViews (WWViews) on Biodiversity are a global deliberation process. Using citizen conferences controversial questions are discussed on effective measures for the conserva- tion of biodiversity. Initiated by the Danish Board of Technol- ogy (DBT) and the Secretary of the Convention on Biological Diversity (CBD) about 100 participants met on September 15th, 2012 in 25 different countries to discuss questions on bio- diversity in a strongly standardised form, with the selection of participants reflecting the socio-demographic average of the national population. In four thematic sessions dealing with biodiversity as well as in a concluding session for the evalua- tion internationally standardised questions were discussed and voted for. In addition, free suggestions were developed. The demand of the civil society to be able to early participate also in complex international negotiations on biodiversity was in- cluded in the final documents of the 11th Conference of the Parties of the CBD. The paper presents results of the German WWViews, and it critically discusses the format. 148 Naturschutz und Landschaftsplanung 45 (5), 2013, 148-154, ISSN 0940-6808 Verlag Eugen Ulmer KG, Stuttgart