Gott, Götter oder Götze(n)? Zwei Begrife und ihre Verwendung im kolonialen K’iche’ 1 Michael Dürr 1. Einleitung Das Schreiben in lateinischer Alphabetschrit wurde mit der Eroberung durch die Spanier ab 1520 als neue Kulturtechnik nach Mesoamerika gebracht. Sie traf dort auf eigenständige Schrittraditionen, in denen Bücher und öfentlich präsentierte Inschriten für die indigenen Eliten einen wichtigen Bestandteil der politischen Selbstdarstellung und deren Tradierung darstellten. Dieses Zusammentrefen löste ab der Mitte des 16. Jahrhunderts eine bemerkenswerte Textproduktion durch indi- gene Autoren aus. Um der militärischen die geistige Eroberung folgen zu lassen und um die Inbe- sitznahme der Länder für die spanische Krone moralisch zu legitimieren, kamen ab 1524 katholische Ordensgeistliche aus Spanien nach Mexiko und Guatemala. Sie bemühten sich die regionalen Verkehrssprachen zu erlernen und begannen zu mis- sionieren. Franziskanische und dominikanische Missionarslinguisten verfassten zu den wichtigeren Sprachen Grammatiken und Wörterbücher, adaptierten doktrinale Texte wie Katechismen oder Beichtspiegel und formten auf diese Weise neue Schrit- sprachen, die die gesprochenen indigenen Sprachen im Sinne ihrer missionarischen Ziele standardisierten und um christlichen Wortschatz erweiterten. Geleitet vom Gedanken der Missionierung waren viele von ihnen auch daran interessiert, vorspa- nische Glaubensvorstellungen und Wissensbereiche verstehen zu lernen. Das Spekt- rum der Reaktionen reichte von der Ablehnung und Verfolgung als heidnische Prak- tiken bis zur Einbeziehung der Indigenen in die christliche Heilsgeschichte, wobei indigene religiöse Vorstellungen und Praktiken als, wenn auch irregeleitete, Vorstu- fen des Christentum dargestellt wurden. Die Einbeziehung in die Heilsgeschichte war dabei ein wichtiges Argument von Geistlichen, um die Rechte der indigenen Bevölkerung gegenüber den Kolonialherren zu unterstützen. Ordensgeistliche grün- deten auch Missionsschulen, in denen vor allem in die Kolonialzeit hinein geborene Söhne aus der vorspanischen Führungsschicht im christlichen Sinne erzogen sowie im Spanischen und in ihrer jeweiligen indigenen Sprache alphabetisiert wurden. 1 Erscheint in: Mesoamerikanistik: Archäologie, Ethnohistorie, Ethnographie und Linguistik. Eine Festschrit der Mesoamerika-Gesellschat Hamburg e.V. Lars Frühsorge et al. (Hrsg.), 409–431. Hamburg: Shaker 2015. Dieser Beitrag geht auf einen Vortrag Dualidad en la Unidad Trina o unidad en la dualidad: Términos religiosos en el Popol Vuh y en los títulos k’iche’ zurück, den der Autor im Rahmen des Symposiums “European-Indigenous Trans/Mission: Translation Strategies in Colonial Latin America” im Oktober 2011 gehalten hat.