Einleitung: Musik ist eines der Kommunikationsmedien mit dem höchsten emotionalen Einfluss auf den Menschen, insbesondere die Verstärkung positiver Emotionen betreffend. Es wird daher angenommen, dass Musik – wie auch psychotrope Substanzen (Drogen, einschl. Alkohol) – einen starken Einfluss auf das Belohnungssystem hat (Osuch et al. 2009). Ziel und Fragestellung: Ziel der Studie war, Unterschiede im alltäglichen Musikrezeptionsverhalten und auch in Persönlichkeitsdimensionen von Patienten mit psychischen Emotionsmodulation mittels Musik bei Patienten mit Suchterkrankungen Stefan Gebhardt 1 , Markus Kunkel 2 , Richard von Georgi 3,2 1 Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Philipps-Universität Marburg; stefan.gebhardt@uni-marburg.de; Klinik für Allgemeinpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik II, Wiesloch 2 Institut für Musikwissenschaften und Musikpädagogik, Justus-Liebig-Universität Giessen 3 International Psychoanalytic University Berlin p=0,018 p=0,047 und auch in Persönlichkeitsdimensionen von Patienten mit psychischen Störungen in Abhängigkeit vom Konsum psychotroper Substanzen zu erheben. Daneben zeigten SG-Patienten weniger Zurückhaltung und mehr Vertrauen als Persönlichkeitsdimension (p=0,019) sowie ein niedrigeres Funktions- niveau (p=0,045). Diskussion: Da SG-Patienten weniger Zurückhaltung aufweisen, könnte ihre Neigung, Musik mehr zur Entspannung und zum kognitiven Problemlösen zu nutzen, bedeuten, dass diese Patienten zu Musik einen sehr intensiven Zugang haben. Frühere Studien zeigen bereits eine Involvierung des Belohnungssystems als neurobiologisches Korrelat der Musikrezeption (Blood Abbildungen: Vergleich der Patientengruppen ohne Substanzgebrauch (n=162) versus mit Substanzgebrauch (n=28) hinsichtlich der Variablen a) Entspannung mittels Musik, b) kognitives Problemlösen mittels Musik, c) Anteil der Patienten, die Musik übermäßig laut hörten, d) Anteil der Patienten, die während des Musikkonsums Alkohol konsumierten. Methode: Eine Stichprobe bestehend aus 190 Patienten (111 weiblich; mittleres Alter 37,4 ± 13,3 Jahre) der Univ.-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Marburg wurde mittels folgender Instrumente untersucht: (1) IAAM (Inventar zur Erfassung der Aktivations- und Arousal- Modulation mittels Musik; von Georgi et al. 2004, 2006, Gebhardt & von Georgi 2007) zur Erfassung des individuellen funktionalen Umgangs mit Musik (z.B. „ich höre Musik, um mich zu entspannen/Spaß zu haben/[etc.]“); Subskalen: RX (relaxation; Entspannung), CP (cognitive problem solving; kognitives Problemlösen), RA (reduction of negative activation; Reduktion negativer Aktivation), FS (fun seeking; Suche nach Vergnügen) und AM (arousal modulation; Arousal-Modulation); (2) SKI (Selbstkonzept-Inventar; von Georgi & Beckmann 2004) zur Erfassung der Persönlichkeitsdimension; Subskalen: E-I (ego-strength vs. insecurity; Ich-Stärke vs. Unsicherheit), A-M (attractiveness vs. marginality; Attraktivität vs. Marginalität), C-R (confidence vs. reserve; Vertrauen vs. Zurückhaltung), O-I (orderliness vs. insouciance; Ordnungsliebe vs. Sorglosigkeit) und E-C (enforcement vs. cooperation; Durchsetzung vs. p=0,005 p<0.001 & Zatorre, 2001, Osuch et al. 2009). Eine weitere Erklärung für die verstärkten Emotionsmodulationsstrategien mittels Musik der SG-Patienten könnte in ihrem generellen Verhaltensmuster begründet sein, besonders intensive psychotrope Effekte erzielen zu wollen, ähnlich dem hochdosierten Konsum psychotroper Substanzen als Stimuli. Schließlich könnte auch das niedrigere Funktionsniveau einen höheren Leidensdruck und damit eine Zunahme der Emotionsmodulationsstrategien bewirken. Aus der explorativen Querschnittsstudie können keine kausalen Zusammen- hänge abgeleitet werden. Es kann aber die reale Situation einer psychiatrischen Population mittels eines gut evaluierten empirischen Ansatzes auf der Basis eines Emotionsmodulationskonzeptes erfasst werden. Ergebnisse: Bei 28 Patienten (14,7%) wurde der Konsum psychotroper Substanzen identifiziert (Substanzgruppe; SG). Unter diesen befanden sich 19 Patienten (10,0%) mit einem Abhängigkeitssyndrom und 9 weitere Patienten (4,7%) mit einem schädlichen Gebrauch. SG-Patienten berichteten im Vergleich zu den übrigen Patienten ohne eine Substanzgebrauch-Problematik (n=162), dass sie vermehrt Musik zur Entspannung (p=0,018) und zum Problemlösen (p=0,047) hören, dass sie während ihrer psychischen Erkrankung Musik vermehrt besonders laut hören (p=0.005) und dass sie gleichzeitig zum Musikhören psychotrope Substanzen konsumieren (p<0,003; darunter speziell Alkohol: p<0.001) (siehe Abbildungen a-d). Sorglosigkeit) und E-C (enforcement vs. cooperation; Durchsetzung vs. Kooperation); (3) GAF (Global Assessment of Functioning Scale, American Psychiatric Association, 2000) zur Erfassung des allgemeinen Funktionsniveaus; (4) ein Fragebogen zu Substanzmissbrauch und Musikrezeptions- verhalten vor und nach Beginn der psychischen Erkrankung. Als statistische Verfahren wurden Korrelationen nach Pearson sowie t-Tests herangezogen. Schlussfolgerung: Suchtpatienten scheinen Musik ähnlich wie psychotrope Substanzen als intensiven emotionalen Stimulus zu nutzen. Weitere Studien in diesem Bereich sind erforderlich. Daraus könnten sich therapeutische Implikationen für den Einsatz von Musik bei Patienten mit Substanzkonsum ergeben. Literatur: American Psychiatric Association (APA) (2000). Diagnostic and statistical manual of mental disorders, 4rd ed., revised (DSM-IV-TR). Washington, DC: American Psychiatric Press. Blood AJ, Zatorre RJ. Intensely pleasurable responses to music correlate with activity in brain regions implicated in reward and emotion. Proc Natl Acad Sci U S A. 2001 Sep 25;98(20):11818-23. Gebhardt S, von Georgi R (2007). Music, mental disorder and emotional reception behavior. Music Therapy Today. Vol. VIII (3); http://musictherapyworld.net Osuch EA, Bluhm RL, Williamson PC, Théberge J, Densmore M, Neufeld RW (2009). Brain activation to favorite music in healthy controls and depressed patients. Neuroreport. 2009 Aug 26;20(13):1204-8. von Georgi R (2007). Das Inventar zur Messung der Aktivations- und Arousal-Modulation mittels Musik (IAAM). In: H. Schramm (Hrsg.), Medien und Kommunikationswissenschaft - Sonderband 1 “Musik und Medien” (S. 138- 156). Baden-Baden: Nomos. von Georgi R, Abou Seif A, Grant P, Beckmann D (2004). Application of music for activation and arousal modulation in everyday life. Abstract - Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie 2005, http://musicweb.hmthannover. de/dgm/german/DGM2004-Abstr.pdf. von Georgi R, Beckmann D (2004). Selbstkonzept-Inventar. Bern, Göttingen, Toronto, Seattle: Hans Huber Verlag.