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MITTEILUNGEN
Neben zahlreichen Themen der
Grundlagenforschung wurden ver-
schiedene therapeutische Ansätze
der Purine vorgestellt. Dieses Zusam-
mentreffen findet alle 2 Jahre statt.
Nach Ferrara wird Kopenhagen 2008
der nächste Kongressort sein.
Die Veranstalter hatten zahlreiche
Symposien, Overviews, Lectures und
Round Tables für die Teilnehmer
organisiert. Eine Ergänzung zu den
Symposien stellten Oral Presentati-
ons und Postervorstellungen dar.
Hauptthemen des Kongresses waren
Adenosin und seine Rezeptoren (A
1
,
A
2A
, A
2B
, und A
3
), Nukleotide (ATP,
ADP, UTP, UDP) und deren Rezepto-
ren (P2X und P2Y), Ecto-Nukleotida-
sen und ihre Inhibitoren, neue Re-
zeptorliganden und Stand der klini-
schen Forschung zu den Purinen.
ATP als Neurotransmitter
In einem Hauptreferat gab der Nes-
tor der Purin-Forschung Geoffrey
(„Jeff“) Burnstock, Royal Free and
University College Medical School
London, einen Abriss zum „Konzept
des purinergen Signalsystems“. Er be-
legte in eindrucksvoller Weise, dass
es sich bei Purinen und deren Nuk-
leotiden um essentielle Zellbestand-
teile handele, die als wichtige Signal-
moleküle eine Vielzahl biologischer
Effekte hervorrufen können. ATP
wird seit 1978 nicht mehr nur als
Energiespeicher, DNA/RNA-Baustein
oder Substrat verschiedener Enzyme
verstanden, sondern ist als eigenstän-
diger Neurotransmitter anerkannt,
der wie Burnstock berichtete nach
neuen Befunden auch eine wesent-
liche Rolle bei regenerativen Prozes-
sen spielt. Die an der Wirkung von
ATP beteiligten P
2
-Rezeptoren, die
nochmals in die Ligand-gesteuerten
Ionenkanalrezeptoren P2X- und die
G-Protein-gekoppelten P2Y-Rezepto-
ren unterteilt werden, waren Inhalt
weiterer Vorträge. Neue Befunde
zum kardiovaskulären System, zur
Rolle beim Diabetes und bei der
Schmerzverarbeitung sowie bei
Entzündungsprozessen und an Im-
munzellen wurden viel diskutiert.
Adenosin und seine Rezeptoren
Als Experte auf dem Gebiet der Ade-
nosinrezeptoren referierte Bertil B.
Fredholm, Karolinska Institute Stock-
holm, Schweden, zum Thema „Targe-
ting Adenosine Receptors“. Er favori-
sierte die A
2A
-Rezeptoren als Angriffs-
punkt zur Behandlung von Morbus
Parkinson und Schlaganfall, während
die Aktivierung von A
1
-Rezeptoren
wichtig zur Verhinderung epilep-
tischer Anfälle und deren Folge-
schäden ist. Außerdem regulieren A
1
-
Rezeptoren die Freisetzung exzitato-
rischer Transmitter, wirken am Her-
zen protektiv und deren Aktivierung
bewirkt Analgesie. A
2A
- und A
2B
-Re-
zeptoren scheinen im Entzündungs-
geschehen bedeutend zu sein, denn
beide Rezeptorsubtypen sind auf Im-
munzellen vorhanden und regulieren
ihre Aktivität. In nachfolgenden Vor-
trägen wurde gezeigt, dass bei diesen
Prozessen die Beeinflussung der
Mediatorfreisetzung (Zytokine) von
Bedeutung ist, wobei die Rezep-
torsubtypen gegensätzliche Effekte
induzieren können.
Adenosin und das Belohnungs-
system
Ivan Diamond, CV Therapeutics Inc.
Palo Alto, CA. USA, vertrat in seinem
Vortrag die Hypothese, dass mögli-
cherweise bei allen Suchtstoffen eine
Erhöhung der extrazellulären Adeno-
sin-Konzentration eine wichtige Rolle
spielt. Alkohol führt zu einer Er-
höhung der Adenosinspiegel im
Nucleus accumbens durch eine Hem-
mung von Adenosin-Transportern
und zu einer verstärkten Aktivierung
von Adenosin-A
2A
-Rezeptoren. Er
schlägt daher A
2A
-Antagonisten zur
Behandlung von Suchterkrankungen
wie Alkoholismus vor.
Neue Wirkstoffe: Rezeptorligan-
den und Enzyminhibitoren
Der Schwerpunkt des Kongresses lag
auf der Pharmakologie der Nukleo-
side und Nukleotide. Ein Teil der Ver-
anstaltungen war jedoch auch der
Medizinischen Chemie gewidmet.
Die Pharmakologen benötigen Werk-
zeuge, am besten kleine, Arzneistoff-
artige Moleküle, die ihnen die
Medizinische Chemie liefern kann.
Auf dem Gebiet der Adenosinrezep-
tor-Liganden stehen bereits zahlreiche
Rezeptorsubtypen-selektive Agonis-
ten und Antagonisten zur Verfügung.
Die ersten Vertreter sind in fortge-
schrittenen Phasen der klinischen
Prüfung. Bei den Nukleotid-Rezepto-
ren ist hingegen noch ein großer Be-
darf an selektiven Liganden. Die
Forschungsanstrengungen auf diesem
Gebiet haben sich entsprechend er-
höht. Neuentwicklungen gab es
insbesondere auf dem Gebiet der
kompetitiven P2Y
12
-Rezeptorantago-
nisten. Der P2Y
12
-Rezeptor ist ein an-
tithrombotischen Target auf Throm-
bozyten, der z.B. durch Clopidogrel
blockiert wird. An Bedeutung gewon-
nen haben Untersuchungen der ex-
trazellulären Nukleotid-metabolisie-
renden Enzyme und die Entwicklung
von selektiven Inhibitoren (z.B. Ecto-
nukleotidase-Inhibitoren).
© 2006 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim www.pharmuz.de 6/2006 (35)
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Pharm. Unserer Zeit
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REISEBERICHT
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Neue Erkenntnisse zu Chemie, Pharmakologie
und klinischen Anwendungen von Purinen
Zum 8th International Symposium on Adenosine and Adenine Nucleo-
tides kamen Ende Mai 2006 in Ferrara (Italien) ca. 500 Wissenschaft-
ler(innen) aus allen Teilen der Welt zusammen, um sich an 5 Tagen über
den neuesten Stand auf dem Gebiet der Adenosin- und Nukleotid-Rezep-
toren auszutauschen.