8 20/2013 AFZ-DerWald www.forstpraxis.de Pflanzgut In Zeiten eines notwendigen Waldumbaus, der Restaurierung und Rehabilitation de- gradierter Landlächen und der damit ver- bundenen Ausweitung der Waldlächen kommt der künstlichen Bestandesbegrün- dung wieder zunehmende Bedeutung zu. Die Umstände und Rahmenbedingungen bei der künstlichen Bestandesbegründung können allerdings sehr vielfältig sein. Das erfolgreiche Anwachsen, Überleben und weitere Wachstum der Forstplanzen hän- gen von der Wahl des Planzgutes, dessen äußerer und innerer Beschaffenheit und von dessen Fähigkeit ab, neue Wurzeln auszubilden und sich den gegebenen Standortsbedingungen rasch anzupassen. Mit der Ausbildung neuer Wurzeln wird der Planzschock minimiert, dessen Haupt- ursache häuig Wasserstress ist. Im Vergleich zu morphologischen Kri- terien des Sprosses und physiologischen Kenngrößen der Vitalität wurde die Aus- formung des Wurzelwerks von Forstplan- zen bisher vergleichsweise wenig beach- tet. Erst die seit etwa zwei Jahrzehnten beobachteten Deformationen des Wurzel- systems geplanzter Bäume haben zu ei- ner Renaissance dieses Forschungszweiges geführt [16]. Die Wurzel – das unbekannte Wesen Ausführliche Beschreibungen zu den Wur- zeln heimischer Waldbäume sind vorhan- den [13, 14] und geben Auskunft insbeson- dere über den morphologischen Bau von strukturellen Wurzelsystemen. In jüngerer Zeit wurden die rein morphologischen Beschreibungen ergänzt durch Befunde zur räumlich-dynamischen Verteilung und Entwicklung der Feinwurzeln und ihren funktionalen Beziehungen [17], zum Bei- spiel im Hinblick auf Wachstum und Mor- talität sowie Wurzelneubildungen von Teilen des Wurzelsystems. Für eine Umset- zung in die Praxis muss das hinzugekom- mene Wissen jedoch erst gesichtet und aufbereitet werden. Die physiologischen Aufgaben der Wur- zel sind die Aufnahme, Leitung und Spei- cherung von Wasser und Nährstoffen sowie die Synthese, Bereitstellung und Leitung von Planzenhormonen und sekundären Planzenstoffen. Wurzeln können sehr viel- gestaltig sein und bilden so genannte Wur- zelsysteme aus verschiedenen Typen von Wurzeln aus. Für die Wasser- und Nähr- stoffaufnahme zuständig sind in erster Li- nie Feinst- und Feinwurzeln, die in dieser Funktion durch Symbionten wie Mykor- rhizen oder Bakterien unterstützt wer- den. Solche Wurzeln sind relativ kurzlebig (wenige Monate bis maximal etwa zwei Jahre) und werden ständig erneuert. Sie sind meist nicht zu einem sekundären Di- ckenwachstum befähigt und tragen somit nicht zum strukturellen Wurzelsystem bei. Das strukturelle Wurzelsystem wird durch Schwach-, Grob-, Derb- und Starkwurzeln gebildet und stellt das Stützgerüst für den späteren Baum. Der erbliche Bauplan bestimmt die Art der Bewurzelung, die Ausformung der Pol- wurzel (Keimwurzel), die Wurzelverzwei- gungen sowie die Art der Wurzelverteilung im Boden [14]. Im Jugendstadium besitzen unsere Nadel- und Laubhölzer eine Polwur- zel, die sich je nach Baumart in ihrer Befähi- gung zum Tieferstreben unterscheidet. Be- sonders trockenheitsangepasste Baumar- ten wie Eiche oder Kastanie besitzen eine tief reichende, gut ausgeprägte und meist verdickte Polwurzel. Umgekehrt kann man ableiten, dass Baumarten, die über eine derartige Polwurzel verfügen (z.B. Weiß- tanne), rasch der Wurzelkonkurrenz mit anderen Baumarten entkommen und tiefe- re Schichten für sich erschließen können. In der Jugendphase kommt der tief gehenden Polwurzel auch die wichtige Aufgabe der Verankerung zu. Die Polwurzel vieler Baumarten besitzt im Sämlingsstadium einen positiven Geo- tropismus; sie wächst also senkrecht (or- thogeotrop) nach unten, während die Sei- tenwurzeln horizontal (diageotrop oder plagiogeotrop) wachsen [5]. Im Falle einer Verletzung der Polwur- zel, zum Beispiel durch Unterschneidung im Saatbeet der Baumschule oder durch ungünstige Umgebungsbedingungen, wie beim so genannten Luftwurzelschnitt (Kleinballenproduktion), bilden sich in der Folge oberhalb der Schnittläche oft meh- rere Adventivwurzeln, die ebenfalls po- sitiv geotrop wachsen können und somit die Funktion der Polwurzel übernehmen. Gelegentlich bleibt aber die Bildung der Adventivwurzeln und die Regeneration eines positiv geotrop wachsenden Wur- zelwerks aus, was bei jungen Bäumen zu einer erhöhten Anfälligkeit gegen Wind- würfe führen kann [20]. Mit dem Verlust der Wurzelspitze der Polwurzel geht auch der Sensor für den Aspekte einer funktionalen Beziehung zwischen Wurzel und Spross Die ideale Forstpflanze: Stabilität hat tiefe Wurzeln Bernd Stimm, Helmut Blaschke, Wolfram Rothkegel und Ottmar Ruppert Wie muss die ideale Forstpflanze aussehen? Gibt es sie überhaupt? Der folgende Beitrag stellt die Bedeutung eines harmonischen Verhältnisses von Wurzel und Spross in den Mittelpunkt. Dieses Verhältnis ist nicht starr, sondern flexibel und reagiert dynamisch auf Veränderungen im Lebensraum und seinen Umweltbedingungen. Ein gut ausbalanciertes Verhältnis zwischen Wurzel und Spross ist – zusammen mit einer guten physiologischen Qualität – der beste Garant für das Anwachsen und Überleben von Forstpflanzen. Dr. B. Stimm ist Mitarbeiter am Lehrstuhl für Waldbau der TU München. Dr. H. Blaschke war Mitarbeiter am Lehrstuhl für Ökophysiologie der Pflanzen der TU München. W. Rothkegel und O. Ruppert sind Waldbautrainer der Bayerischen Forstverwaltung. Bernd Stimm Bernd Stimm stimm@wzw.tum.de