Hintergrund Die Bedeutung von Prävention und Ge- sundheitsförderung für ein langes Leben in Gesundheit ist unbestritten. Insbeson- dere aufgrund der zu erwartenden Zu- nahme der Prävalenz chronischer, nicht übertragbarer Erkrankungen und steigen- der Kosten für die Pflege und Gesund- heitsversorgung im Zusammenhang mit der demografischen Alterung rücken Prä- vention und Gesundheitsförderung im- mer weiter in den Fokus. Auch in der Be- völkerung mit Migrationshintergrund ist eine starke Zunahme der Zahl an Men- schen in höheren Altersgruppen und da- mit auch eine Zunahme der Zahl an Per- sonen mit chronischen Erkrankungen zu erwarten [1]. In einzelnen Migranten- gruppen lässt zudem das häufigere Auf- treten ungünstiger Lebensstilfaktoren wie Übergewicht und Rauchen auf einen spe- ziellen Bedarf an präventiven Maßnah- men schließen [26]. Während zur Inanspruchnahme ge- sundheitlicher Versorgung durch die Be- völkerung mit Migrationshintergrund mittlerweile einige Erkenntnisse vorlie- gen [710], ist ihre Teilnahme an Präven- tionsmaßnahmen noch nicht umfassend erforscht. Frühere Berichte weisen auf diese Lücke hin [11, 12] und gehen unter Rückgriff auf die Befunde zur geringeren Inanspruchnahme medizinischer Leis- tungen davon aus, dass Menschen mit Migrationshintergrund für Präventions- maßnahmen schwer erreichbar sind. Unter dem Stichwort der migrationssen- siblen Prävention wird deshalb versucht, auf die spezifischen Barrieren und Bedar- fe, wie Sprachbarrieren oder Informa- tionsdefizite, einzugehen und über spezi- fische Zugangswege, wie z. B. über Schlüs- selpersonen in den Migrantengemeinden, die Erreichbarkeit dieser Bevölkerungs- gruppe zu verbessern. Was mit migrati- onssensibler Prävention genau gemeint ist, ist häufig nicht hinreichend deutlich. Es lassen sich dabei zwei Herangehens- weisen unterscheiden. Der eine Ansatz zielt darauf ab, spezielle Präventionsan- gebote für Personen mit Migrationshin- tergrund bereitzustellen. Bei dem anderen Ansatz geht es im Sinne einer interkultu- rellen Öffnung darum, allgemein verfüg- bare Präventionsangebote für Personen mit Migrationshintergrund zugänglicher zu machen. Wie weitgehend diese bei- den Ansätze umgesetzt werden und wie erfolgsversprechend sie sind, ist bisher kaum untersucht worden. Ziel des vorliegenden Beitrags ist es, ei- nen Überblick zu folgenden Fragen zu ge- ben: 5 Wie ist die Teilnahme von Menschen mit Migrationshintergrund an pri- märpräventiven Angeboten? 5 Was ist migrationssensible Präven- tion? 5 Welche Präventionsangebote gibt es für Migranten in Deutschland? Teilnahme von Menschen mit Migrationshinter- grund an Prävention Kinder und Jugendliche Ergebnisse der ersten Wellen des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS) weisen darauf hin, dass Kinder aus Mi- grantenfamilien seltener an den Früh- erkennungsuntersuchungen (U-Untersu- chungen) teilnehmen. Nach den KiGGS- Ergebnissen hatten lediglich 56 % der Kin- der mit Migrationshintergrund die U3 bis U9 vollständig in Anspruch genommen, bei den Kindern ohne Migrationshinter- grund waren es 85 % [13]. Zu berücksich- tigen ist allerdings, dass seit dieser Befra- gung in vielen Bundesländern Erinne- rungs- und Meldeverfahren im Falle einer Nicht-Inanspruchnahme der U-Untersu- chungen installiert wurden [14], sodass die Teilnahmerate mittlerweile deutlich höher sein dürfte. Bezüglich des Impfsta- tus zeigen die KiGGS-Ergebnisse, dass bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund (11–17 Jahre) häufiger Grundimmuni- sierungen und Auffrischungsimpfungen fehlen als bei Jugendlichen ohne Migra- tionshintergrund [15]. In jüngeren Al- tersklassen sind dagegen zum Teil höhere Impfquoten bei Kindern mit Migrations- hintergrund festzustellen. Weitere Ana- lysen mit den KiGGS-Daten zeigen, dass Impflücken vor allem bei den Kindern be- stehen, die nach der Geburt zugewandert T. Brand 1 · D. Kleer 2 · F. Samkange-Zeeb 1 · Hajo Zeeb 3,4 1  Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS, Bremen, Deutschland 2  Koordinierungsstelle Gesundheitliche Chancengleichheit Saarland, LandesArbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung Saarland (LAGS) e. V., Saarbrücken, Deutschland 3  Wissenschaftsschwerpunkt Gesundheitswissenschaften, Universität Bremen, Bremen, Deutschland 4  Abteilung Prävention und Evaluation, Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS, Bremen, Deutschland Prävention bei Menschen mit Migrationshintergrund Teilnahme, migrationssensible Strategien und Angebotscharakteristika Bundesgesundheitsbl DOI 10.1007/s00103-015-2149-y © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2015 1 Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz Leitthema