Hintergrund
Die Bedeutung von Prävention und Ge-
sundheitsförderung für ein langes Leben
in Gesundheit ist unbestritten. Insbeson-
dere aufgrund der zu erwartenden Zu-
nahme der Prävalenz chronischer, nicht
übertragbarer Erkrankungen und steigen-
der Kosten für die Pflege und Gesund-
heitsversorgung im Zusammenhang mit
der demografischen Alterung rücken Prä-
vention und Gesundheitsförderung im-
mer weiter in den Fokus. Auch in der Be-
völkerung mit Migrationshintergrund ist
eine starke Zunahme der Zahl an Men-
schen in höheren Altersgruppen und da-
mit auch eine Zunahme der Zahl an Per-
sonen mit chronischen Erkrankungen zu
erwarten [1]. In einzelnen Migranten-
gruppen lässt zudem das häufigere Auf-
treten ungünstiger Lebensstilfaktoren wie
Übergewicht und Rauchen auf einen spe-
ziellen Bedarf an präventiven Maßnah-
men schließen [2–6].
Während zur Inanspruchnahme ge-
sundheitlicher Versorgung durch die Be-
völkerung mit Migrationshintergrund
mittlerweile einige Erkenntnisse vorlie-
gen [7–10], ist ihre Teilnahme an Präven-
tionsmaßnahmen noch nicht umfassend
erforscht. Frühere Berichte weisen auf
diese Lücke hin [11, 12] und gehen unter
Rückgriff auf die Befunde zur geringeren
Inanspruchnahme medizinischer Leis-
tungen davon aus, dass Menschen mit
Migrationshintergrund für Präventions-
maßnahmen schwer erreichbar sind.
Unter dem Stichwort der migrationssen-
siblen Prävention wird deshalb versucht,
auf die spezifischen Barrieren und Bedar-
fe, wie Sprachbarrieren oder Informa-
tionsdefizite, einzugehen und über spezi-
fische Zugangswege, wie z. B. über Schlüs-
selpersonen in den Migrantengemeinden,
die Erreichbarkeit dieser Bevölkerungs-
gruppe zu verbessern. Was mit migrati-
onssensibler Prävention genau gemeint
ist, ist häufig nicht hinreichend deutlich.
Es lassen sich dabei zwei Herangehens-
weisen unterscheiden. Der eine Ansatz
zielt darauf ab, spezielle Präventionsan-
gebote für Personen mit Migrationshin-
tergrund bereitzustellen. Bei dem anderen
Ansatz geht es im Sinne einer interkultu-
rellen Öffnung darum, allgemein verfüg-
bare Präventionsangebote für Personen
mit Migrationshintergrund zugänglicher
zu machen. Wie weitgehend diese bei-
den Ansätze umgesetzt werden und wie
erfolgsversprechend sie sind, ist bisher
kaum untersucht worden.
Ziel des vorliegenden Beitrags ist es, ei-
nen Überblick zu folgenden Fragen zu ge-
ben:
5 Wie ist die Teilnahme von Menschen
mit Migrationshintergrund an pri-
märpräventiven Angeboten?
5 Was ist migrationssensible Präven-
tion?
5 Welche Präventionsangebote gibt es
für Migranten in Deutschland?
Teilnahme von Menschen
mit Migrationshinter-
grund an Prävention
Kinder und Jugendliche
Ergebnisse der ersten Wellen des Kinder-
und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS)
weisen darauf hin, dass Kinder aus Mi-
grantenfamilien seltener an den Früh-
erkennungsuntersuchungen (U-Untersu-
chungen) teilnehmen. Nach den KiGGS-
Ergebnissen hatten lediglich 56 % der Kin-
der mit Migrationshintergrund die U3 bis
U9 vollständig in Anspruch genommen,
bei den Kindern ohne Migrationshinter-
grund waren es 85 % [13]. Zu berücksich-
tigen ist allerdings, dass seit dieser Befra-
gung in vielen Bundesländern Erinne-
rungs- und Meldeverfahren im Falle einer
Nicht-Inanspruchnahme der U-Untersu-
chungen installiert wurden [14], sodass
die Teilnahmerate mittlerweile deutlich
höher sein dürfte. Bezüglich des Impfsta-
tus zeigen die KiGGS-Ergebnisse, dass bei
Jugendlichen mit Migrationshintergrund
(11–17 Jahre) häufiger Grundimmuni-
sierungen und Auffrischungsimpfungen
fehlen als bei Jugendlichen ohne Migra-
tionshintergrund [15]. In jüngeren Al-
tersklassen sind dagegen zum Teil höhere
Impfquoten bei Kindern mit Migrations-
hintergrund festzustellen. Weitere Ana-
lysen mit den KiGGS-Daten zeigen, dass
Impflücken vor allem bei den Kindern be-
stehen, die nach der Geburt zugewandert
T. Brand
1
· D. Kleer
2
· F. Samkange-Zeeb
1
· Hajo Zeeb
3,4
1
Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS, Bremen, Deutschland
2
Koordinierungsstelle Gesundheitliche Chancengleichheit Saarland, LandesArbeitsgemeinschaft
für Gesundheitsförderung Saarland (LAGS) e. V., Saarbrücken, Deutschland
3
Wissenschaftsschwerpunkt Gesundheitswissenschaften, Universität Bremen, Bremen, Deutschland
4
Abteilung Prävention und Evaluation, Leibniz-Institut für Präventionsforschung
und Epidemiologie – BIPS, Bremen, Deutschland
Prävention bei Menschen mit
Migrationshintergrund
Teilnahme, migrationssensible Strategien
und Angebotscharakteristika
Bundesgesundheitsbl
DOI 10.1007/s00103-015-2149-y
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2015
1 Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz
Leitthema