Bundesgesundheitsbl 2011 · 54:330–338 DOI 10.1007/s00103-010-1220-y Online publiziert: 23. Februar 2011 © Springer-Verlag 2011 K.M. Gallois 1 · S. de Henauw 2 · H. Hassel 3 · A. Hebestreit 1 · I. Pigeot 1 · H. Zeeb 1 1 Bremer Institut für Präventionsforschung und Sozialmedizin (BIPS), Abteilung Prävention und Evaluation, Universität Bremen, Bremen 2 Department of Public Health, Ghent University, Ghent 3 Hochschule Coburg, Coburg Standardisierte Entwicklung der IDEFICS-Intervention und Implementierung in Deutschland Leitthema: Adipositas: Primärprävention Das wachsende Problem von Überge- wicht und Adipositas in Europa ist hin- reichend beschrieben. Die Weltgesund- heitsorganisation (WHO) gibt an, dass eins von fünf Kindern in Europa über- gewichtig ist, mit steigender Tendenz [1]. Die Prävalenz von kindlichem Über- gewicht und Adipositas hat auch in Deutschland zugenommen [2]. Ergeb- nisse der KiGGS-Studie belegen, dass in Deutschland 15% der Kinder und Jugend- lichen zwischen drei und 17 Jahren über- gewichtig und 6,3% adipös sind [3]. Dem Problem des kindlichen Über- gewichts nimmt sich auch die IDEFICS- Studie auf europäischer Ebene an. Sie ist ein von der Europäischen Union (EU) gefördertes Projekt, das ernährungs- und lebensstilbedingte Einflüsse auf Übergewicht und Adipositas bei Kin- dern im Alter zwischen zwei und zehn Jahren in Europa untersucht [4, 5] so- wie spezifische Interventionsmaßnah- men zur Reduktion der Prävalenz er- nährungs- und lebensstilbedingter Er- krankungen entwickelt, implementiert und evaluiert [4, 6]. Gesundheitsförderungsprogramme, die auf die Prävention von Übergewicht zielen, können sich an alle Altersgruppen richten [7]. Allerdings ist der Bedarf an einer frühen Intervention offensichtlich, um späteren gesundheitlichen Folge- erkrankungen vorzubeugen [8]. Jedoch liegen insgesamt nur wenige Belege über die Effektivität vieler Programme vor [9, 10]. Nur wenige Interventionen können als erfolgreich bezeichnet werden – oft findet sich nur ein geringer oder gar kein Einfluss auf die Häufigkeit von Überge- wicht [9, 10]. Es können drei wesentli- che Komponenten für eine erfolgreiche Interventionsstrategie identifiziert wer- den: 1) die Maßnahmenplanung basiert auf einem theoretischen Modell; 2) die Einbeziehung des gesamten Schulum- felds, der Familien und der weiteren Ge- meinde; 3) die Einbeziehung von Schu- len und Kindergärten als Einheit [10, 11, 12, 13]. Zusätzlich wird die Evaluation al- ler Interventionsprogramme gefordert, um effektive Programme zu identifizie- ren [10, 14]. Die IDEFICS-Intervention wurde als gemeindeorientiertes Programm, basie- rend auf dem Settingansatz, entwickelt und zielte auf ihre größtenteils eigen- ständige Durchführung durch die teil- nehmenden Einrichtungen mit Unter- stützung des jeweiligen nationalen IDE- FICS-Teams. Die Intervention, die in acht europäischen Ländern (Belgien, Deutschland, Estland, Italien, Schwe- den, Spanien, Ungarn, Zypern) durchge- führt wurde, erfüllt alle genannten Kri- terien für eine erfolgreiche Intervention. Im vorliegenden Beitrag wird zu- nächst die Entwicklung der Intervention anhand des Intervention-mapping (IM)- Protokolls von Bartholomew et al. be- schrieben [15]. Es folgt eine Darstellung ihrer Implementierung in Deutschland sowie der dabei aufgetretenen Schwierig- keiten. Abschließend werden die Poten- ziale der Intervention und ihre Stärken in der Umsetzung diskutiert. Methoden Die IDEFICS-Studie basiert auf einem kontrollierten, longitudinalen Design. Zu diesem Zweck wurde die Intervention in den acht teilnehmenden Ländern re- gional begrenzt in einer Interventionsre- gion oder -stadt angeboten. Zudem gibt es in jedem der acht Länder eine Kon- trollregion, in der keine Interventions- maßnahmen stattgefunden haben. In beiden Regionen wurden die Kinder vor (T0) und nach der Intervention (T1, T2) untersucht und die Eltern befragt [6]. Ein Vergleich von T0 zu T1 beziehungswei- se T2 erlaubt es, zu einem späteren Zeit- punkt Aussagen über die Effektivität der Interventionsmaßnahmen zu machen. In jedem der acht teilnehmenden Länder wurden eine Interventionsstadt und eine Kontrollstadt ausgewählt, die in ihrer Populationsstruktur vergleich- bar waren (zum Beispiel Einwohnerzahl, Anteil der Bewohner mit Migrations- hintergrund, Verteilung auf die sozialen Schichten). Die Städte wurden nicht zu- fällig, sondern basierend auf praktischen Überlegungen ausgewählt (Nähe zur wis- senschaftlichen Einrichtung). In eini- gen Ländern (zum Beispiel Italien) wur- de eine Region mit mehreren Gemein- den ausgewählt, um eine Vergleichbar- keit zwischen Kontrolle und Interven- tion herzustellen. In Deutschland wur- 330 | Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 3 · 2011