Corinna Reck
1
· M. Backenstraß
1
· K.-T. Kronmüller
1
· G. Sommer
3
· P. Fiedler
2
· Ch. Mundt
1
1
Psychiatrische Klinik der Universität, Heidelberg
2
Psychologisches Institut der Universität, Heidelberg
3
Fachbereich Psychologie der Universität,Marburg
Kritische Lebensereignisse
im 2-Jahresverlauf
der „Major Depression“
Eine prospektive Studie mit stationär
behandelten Patienten*
Einfluß ausüben als äußere Lebensum-
stände. Nach Paykel u. Cooper [24]
spricht vieles dafür, daß kritischen Le-
bensereignissen und Lebensbelastungen
nur im Vorfeld der Depression des endo-
genen Subtypes eine wichtige Auslöse-
funktion zukommt. Im weiteren Krank-
heitsverlauf hingegen, so die Autoren,
zeige sich ein eher autonomer Verlauf,
der von Lebensereignissen weitgehend
unabhängig sei, was wiederum auf die
Wirksamkeit biologischer und geneti-
scher Faktoren hinweise [25].
In Querschnittuntersuchungen der
letzten zehn Jahre zur Auslösefunktion
von kritischen Lebensereignissen für ei-
ne Depression wurden gesunde Kon-
trollpersonen mit endogen Depressiven
im Vorfeld der Erkrankung hinsichtlich
ihrer Lebensereignisse und Lebensbela-
stungen verglichen. Es ergaben sich wi-
dersprüchliche Befunde. In einer Reihe
von Studien konnte bestätigt werden,
daß Lebensstreß für endogen und nicht-
endogen depressive Patienten gleicher-
maßen von Bedeutung ist [4, 15]. Die
Die Bedeutsamkeit von kritischen Le-
bensereignissen und Lebensbedingun-
gen für die Entstehung und den Verlauf
einer Depression galt lange Zeit als un-
bestritten (Überblick bei [17, 24]). Diese
eindeutigen Befunde wurden durch die
differenzierte Betrachtung der nosolo-
gischen Subgruppen endogen und neu-
rotisch (bzw. schwer depressiv und sta-
tionär behandelt vs. leicht depressiv und
ambulant behandelt) in Frage gestellt.
Aktuelle Längsschnittstudien zum
Krankheitsverlauf ergaben keine Belege
für einen verlaufsmodifizierenden Ein-
fluß von kritischen Lebensereignissen
bei schwer depressiven stationär behan-
delten Patienten. Paykel et al. [25] und
Andrew et al. [1] konnten keine Zusam-
menhänge zwischen dem Auftreten von
Lebensereignissen und einem Rückfall
in Follow-up-Zeiträumen von 15 und 9
Monaten finden (auch bei [29]). Sie neh-
men an, daß bei solchen Patienten ande-
re Faktoren wie z.B. die medikamentöse
Behandlung im Krankheitsverlauf mehr
Der Nervenarzt 7·99
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637
Originalien
Nervenarzt
1999 · 70: 637–644 © Springer-Verlag 1999
Zusammenfassung
In zahlreichen Studien konnten signifikante
Zusammenhänge zwischen kritischen
Lebensereignissen/Lebensbedingungen und
Depressionen nachgewiesen werden. Es
liegen jedoch nur wenige und inkonsistente
Befunde zu der Bedeutsamkeit von kriti-
schen Lebensereignissen bei schwer depres-
siven Patienten des endogenen Subtyps
bzw.schwer depressiven stationär behandel-
ten Patienten mit Major Depression vor.Die
vorliegende Studie untersucht in einem pro-
spektiven Längsschnittdesign über einen
Zeitraum von zwei Jahren in dreimonatigen
Abständen die rückfallprädiktive Bedeutung
von kritischen Lebensereignissen für den
Krankheitsverlauf endogen depressiver Pati-
enten. Des weiteren werden gesunde Kon-
trollpersonen in einem Querschnittdesign
mit den depressiven Patienten in dem Zeit-
raum drei Monate vor der Kliniksaufnahme
verglichen. Rückfallpatienten weisen drei
und sechs Monate vor dem Rückfall signifi-
kant mehr unerwünschte Lebensbedingun-
gen auf als Patienten mit einem günstigen
Verlauf.Bezogen auf die drei Monate vor
dem Klinikaufenthalt geben die endogen
depressiven Patienten signifikant mehr un-
erwünschte Lebensereignisse und Lebens-
bedingungen und weniger erwünschte
Lebensbedingungen an als die gesunden
Kontrollpersonen. Die Ergebnisse werden
unter klinischen Gesichtspunkten diskutiert.
*Gefördert vom Bundesministerium
für Forschung und Technologie (Forschungs-
Kennziffer: 07016478)
Dipl.-Psych. C. Reck
Voßstraße 4, D-69115 Heidelberg
Schlüsselwörter
Kritische Lebensereignisse/Lebensbedin-
gungen · Endogene Depression · Prospektiv-
studie · Krankheitsverlauf · Gesunde Kon-
trollgruppe