14 | FORSCHUNGSJOURNAL SOZIALE BEWEGUNGEN 26. Jg. 4 | 2013 THEMENSCHWERPUNKT Die Selbststabilisierung sozialer Bewegungen: Das analytische und theoretische Potential des Schlüsselfigurenansatzes 1 Alexander Leistner Wie erinnert das kollektive Gedächtnis soziale Bewegungen? Wohl zumeist anhand einzelner herausragender Ereignisse: der tödliche Schuss auf Benno Ohnesorg, der Busboykott von Mont- gomery, der Fall der Berliner Mauer; und das wiederum meist anhand prominenter Repräsen- tanten, die einer Bewegung ihr Gesicht gaben. Und es erinnert in Form unzähliger Jahres- und Gedenktage – mit Vorliebe der runden. In diesem Sommer rief für kurze Zeit der 50. Jahrestag von Martin Luther Kings Rede vor dem Lincoln Memorial die afroamerika- nische Bürgerrechtsbewegung in Erinnerung. Eine Rede, in der King ausdrucksstark den Traum einer amerikanischen Gesellschaft ohne Diskriminierung und – was gern übergangen wird – ohne soziale Ungleichheit beschwor (vgl. Scharenberg 2013). 2004 jährte sich der 75. Geburtstag des Bürgerrechtlers. Zu die- sem Zeitpunkt stand ich dem Martin Luther King Zentrum für Gewaltfreiheit und Zivil- courage stellvertretend vor. Es wurde Ende der 1990er Jahre an einem unwahrscheinli- chen Ort gegründet – einer Kleinstadt in der westsächsischen Provinz. Schorsch Meusel, der Initiator des Zentrums und ein Urgestein der ostdeutschen Friedensbewegung, war in sei- ner Jugend stark von King inspiriert worden und ward fortan nicht müde, für Kings Ideen des zivilen Ungehorsams in vorwiegend christ- lichen, friedensbewegten Kreisen der DDR zu werben (vgl. Neubert 1997: 379f.). Das Zen- trum sollte dann wiederum das Erbe seines geistigen Mentors im deutschsprachigen Raum bewahren. Auf der Jubiläumsveranstaltung anlässlich des 75. Geburtstags nun hielt ich eine Rede zur Aktualität Kings. Und mit der jugendlichen Verve des nachgeborenen Akti- visten machte ich mich an die Zertrümme- rung des Denkmals für Martin Luther King. Denn: „Hinter seinem Denkmal verschwindet die Vorgeschichte. Nicht mit ihm ist die Bür- gerrechtsbewegung entstanden, er stieß zu- fällig dazu und sie bekam ein charismatisches Gesicht. ‚Die Welt stand auf, als Rosa Parks sitzen blieb‘. Es wird zäh die Legende von der müden unbedarften Näherin erzählt, die sich 1955 weigerte, ihren Sitzplatz im Bus einem weißen Fahrgast zur Verfügung zu stel- len und anschließend verhaftet wurde. Und es stimmt, mit dieser Aktion begann der Bus- boykott von Montgomery, dessen Sprecher der junge King wurde. Unerzählt bleibt, dass sich Rosa Parks auf diese Aktion in Semina- ren des Highlander Center vorbereitete. In Rollenspielen trainierte man die öffentlichkeits- wirksame Verweigerung. Was King später ein- drucksvoll vertrat, was Unzählige auf die Stra- ße brachte, wurde von wenigen uns Unbe- kannten über Jahre hinweg mit langem Atem vorbereitet. Es sind unverdrossene Minderhei- ten, die vom Rand her und auf den ersten Blick vergeblich, die Verhältnisse zu ändern suchen. Es bleibt aber in der Erinnerung der Eindruck, dass mit Kings Ermordung die Bür- gerrechtsbewegung in sich zusammenbrach. Als Massenbewegung trifft dies zu, sie hat den Verlust ihrer charismatischen Führerfigur nicht verkraftet. Und manchmal spüre ich bei vielen Menschen die Sehnsucht nach jeman- dem wie King. Jemandem, der es vermag, unsere von ungelösten Problemen zerrissene Welt wachzurütteln. Aber diese folgenschwe- re Verwechslung, der aktiven Suche nach Lösungen und dem passiven Warten auf Erlö- ser, nimmt uns letztlich aus der Verantwor- tung. Wo Gefahr ist, kommt nicht zuerst ir- gendein ersehnter Retter, sondern es wächst Theorie & Konzeption: Potentiale des Schlüsselfigurenansatzes Unangemeldet Heruntergeladen am | 04.04.16 23:43