Leitthema: Grundlagen der Glaukomforschung
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Der Ophthalmologe 9•2002 672
Zusammenfassung
Mutationen des Gens von Myocilin sind ver-
antwortlich für das autosomal-dominant
vererbte, juvenile Offenwinkelglaukom
sowie für einige Formen des primären Offen-
winkelglaukoms (POWG) beim Erwachse-
nen. Myocilin ist ein sezerniertes Glykoprote-
in mit einem Molekulargewicht von
55–57 kDa, das Dimere und Multimere
bilden kann. Strukturelle Motive sind eine
myosinähnliche Domäne, eine Olfaktome-
din-Domäne sowie ein Leuzin-Zipper.Die
meisten Mutationen, die bei Patienten mit
einem POWG identifiziert wurden, sind in
der Olfaktomedin-Domäne lokalisiert, einer
zwischen verschiedenen Spezies hochkon-
servierten Region. Im Auge wird Myocilin in
großen Mengen im Trabekelwerk,der Sklera,
dem Ziliarkörper und der Iris gebildet, in
deutlich geringerem Ausmaße in der Retina
und dem Sehnervenkopf. Außerdem findet
sich sezerniertes Myocilin im Kammerwas-
ser. Im Kammerwinkel lässt sich Myocilin in
enger Assoziation mit fibrillären Komponen-
ten der extrazellulären Matrix des kribrifor-
men Teils des Trabekelwerks nachweisen.
Dabei bindet Myocilin spezifisch an die
HepII-Domäne des Matrixproteins Fibro-
nektin. In perfundierten Organkulturen von
vorderen Augenabschnitten erhöht rekom-
binant hergestelltes Myocilin den Abfluss-
widerstand.In kultivierten Trabekelwerkszel-
len kann die Expression von Myocilin durch
Dexamethason induziert werden, und zwar
mit einem ähnlichen Zeitverlauf wie beim
Auftreten einer steroidinduzierten okulären
Hypertension bei Patienten.Weiterhin wird
Myocilin durch Transforming Growth Factor-
β und mechanischem Stress induziert.
Mäuse mit einer gezielten Zerstörung des
Myocilingens zeigen keinen pathologischen
Der größte Risikofaktor für den glau-
kombedingten Verlust von Axonen des
Sehnerven ist ein erhöhter intraokulärer
Druck. Beim primären Offenwinkelglau-
kom (POWG) wird die Erhöhung des in-
traokulären Drucks durch einen Anstieg
des Abflusswiderstandes des Kammer-
wassers im Trabekelwerk verursacht.
Trotz jahrzehntelanger Forschung sind
die Mechanismen, die an der Bildung
des trabekulären Abflusswiderstandes
beteiligt sind und an seiner Erhöhung
beim POWG, weitgehend unbekannt.
Daher hatte die Entdeckung,dass Muta-
tionen des Myocilingens verantwortlich
sind für einige Formen des POWG [22],
eine enorme Bedeutung. Zum ersten
Mal war ein spezifisches Gen identifi-
ziert worden, das verantwortlich für die
Entstehung eines Offenwinkelglaukoms
sein kann. Patienten mit mutiertem
Myocilin können sehr hohe intraokulä-
re Druckwerte aufweisen [2], sodass da-
von ausgegangen werden kann, dass
eine genauere Kenntnis der Funktion
von Myocilin den lang gesuchten Schlüs-
sel zum Verständnis der Druckerhöhung
beim POWG bieten könnte.
Struktur von Myocilin
Myocilin wurde im Rahmen von Studien
entdeckt, bei denen nach Proteinen ge-
sucht wurde, die durch eine Langzeitbe-
handlung mit Dexamethason in Trabe-
kelwerkzellen induzierbar sind [18]. In
diesem Zellkulturmodell für steroidindu-
zierte Glaukome konnte die Induktion ei-
nes spezifischen Proteins (ursprünglich
TIGR genannt, für „trabecular meshwork
inducible glucocorticoid response prote-
in“) gezeigt werden, mit einem Zeitver-
lauf wie er auch bei der Manifestation von
steroidinduzierten Glaukomen beobach-
tet wird. In parallelen und unabhängigen
Studien identifizierten Kubota et al. [15]
das gleiche Protein, das von ihnen jedoch
Myocilin genannt wurde. Dies ist auch
der Name, der 1998 vom Nomenklatur-
Komitee der Human Genome Organizati-
on (HUGO) für das Gen und sein Gen-
produkt festgelegt wurde.Myocilin ist aus
504 Aminosäuren aufgebaut, mit einem
Molekulargewicht von 55–57 kDa [18].
Myocilin besitzt eine N-terminale Signal-
Leitthema: Grundlagen der Glaukomforschung
Ophthalmologe 2002 · 99:672–677
DOI 10.1007/s00347-002-0699-5
A. Ohlmann · E. R.Tamm
Anatomisches Institut, Molekulare Anatomie und Embryologie, Universität Erlangen-Nürnberg
Die Rolle von Myocilin bei
der Pathogenese des primären
Offenwinkelglaukoms
© Springer-Verlag 2002
Prof. Dr. Ernst R.Tamm
Anatomisches Institut der Friedrich-Alexander-
Universität Erlangen-Nürnberg,
Universitätsstraße 19, 91054 Erlangen,
E-Mail: Ernst.Tamm@anatomie2.med.uni-
erlangen.de
Phänotyp, was darauf hinweist, dass Glauko-
me mit einer Mutation im Myocilingen nicht
durch einen Funktionsverlust von Myocilin
hervorgerufen werden. Experimentelle
Daten deuten hingegen darauf hin, dass
mutiertes Myocilin nicht sezerniert wird und
in den Zellen akkumuliert. Diese Akkumula-
tion könnte die Funktion des Trabekelwerks
beinträchtigen, den Abflusswiderstand
negativ beeinflussen und dadurch ein
Glaukom hervorrufen.
Schlüsselwörter
Myocilin · Primäres Offenwinkelglaukom ·
Mutation